Gedanken aus der Mittelschichtsblase und was mich wirklich am „Heutzutage“ stört

Manchmal frage ich mich, was nicht stimmt an unserem Leben. Es scheint sich so wenig mit dem zu decken, was an düsteren Geschichten über unser „Heutzutage“ an Esstischen, in Kneipen, auf Elternabenden und ja, auch in den Medien erzählt wird. Zum Beispiel über das Miteinander-Leben: Anonym sei es geworden, niemand interessiere sich mehr für den anderen. Alte Leute lebten einsam in ihren Wohnungen, Kinder spielten nicht mehr auf der Straße. Ich höre und lese das und frage mich: Warum hat das Leben heute, die Kindheit unserer Kinder, eigentlich so einen schlechten Ruf?

Seit Stunden sitze ich an diesem Text. Ich schreibe und gerate immer wieder ins Stocken. Eigentlich möchte ich darüber schreiben, wie wunderbar unser Straßenfest am Wochenende war, mit alten und jungen Leuten, und überhaupt was für eine tolle Nachbarschaft wir haben. Ich möchte euch erzählen, dass unsere Kinder jede Woche durch die Wälder laufen, auf Bäume klettern, nette Lehrer*innen haben, ständig weitere Freund*innen finden, dass sie mit Kreide auf die Straße malen und nach Hause kommen, wenn die Laternen angehen. Dass sie dutzende Obst- und Gemüsesorten kennen und andere Kinder beschützen, wenn sie auf dem Schulhof geärgert werden. Dass ihre Kindheit an ganz vielen Stellen einfach ganz wunderschön ist. 

Die Geschichten von Anonymität, Einsamkeit, Verrohung, Verdummung, nein, hier sehe ich das nicht. Und ich weigere mich, dieses Narrativ „heutzutage ist doch alles schlimmer“ einfach zu übernehmen. Ich finde es schlicht unfair — uns Eltern gegenüber, die ihre Kinder doch insgesamt ganz gut gedeihen lassen. Und auch den Kindern gegenüber, die doch, wenn sie das hören, denken müssen, mit ihnen sei was verkehrt. Denn sie finden ihre Welt ja meistens ziemlich toll. Und wie ich finde völlig zu Recht: Es geht uns insgesamt ganz gut in unserem Mittelschichtsleben.

Mittelschichtsleben. Dieses Wort habe ich in diesem Text immer wieder hin und her geschoben. Ja, in unserer Neubausiedlung geht es uns (wirtschaftlich) gut. SUVs stehen in den Einfahrten, die Vorgärten sind (bis auf unseren) maximal gepflegt. Zwei Straßen weiter von uns sieht die Welt allerdings etwas anders aus: In der alten Zechensiedlung spielen die Kinder auch draußen, aber ich sehe gar keine Erwachsenen. Die Autos sind kleiner, die Hauseingänge schmutziger. Es klingt klischeehaft. Doch hier im Ruhrgebiet liegen die unterschiedlichen Welten immer noch zum Greifen nah.

Während des Schreibens frage ich mich die ganze Zeit: Macht die Tatsache, dass wir in einer Mittelschichtsblase leben, die schönen Geschichten weniger wahr? Noch weiter zugespitzt: Darf es uns überhaupt gut gehen, wenn es anderen nicht gut geht?

Puh! Das sind die großen Fragen des Miteinander-Lebens, die Antworten darauf zu finden ist ein Prozess. Und dennoch möchte ich immer noch anschreiben gegen den schlechten Ruf unseres „Heutzutages“, weil ich finde: Vieles läuft heute besser, als es die vielen düsteren Geschichten suggerieren. Viele, viele Eltern haben wirklich Bock auf Familie, sie engagieren sich sozial, pflegen auch noch ihre eigenen Eltern. Übrigens völlig unabhängig ob Mittelschicht oder nicht. Diese Geschichten brauchen auch ihren Raum.

Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass es immer noch nicht allen gut geht. Ich finde es wichtig, diese unsichtbare Wand, die die Blase von der Umgebung trennt, so oft es geht zu durchdringen. Dass wir auch die Bedürfnisse der anderen (was heißt überhaupt „die anderen“?) erkennen und ernst nehmen. Dass wir auch ihre Geschichten hören und lesen. Und auch diesen Geschichten Raum geben.

Das Schöne am Ruhrgebiet ist ja wirklich, dass es ein Leichtes sein kann, sich zu begegnen. Wir wohnen einfach alle nah beisammen. Vielleicht machen wir demnächst nicht nur ein Straßenfest, sondern laden gleich das ganze Viertel ein. Es wäre ein Anfang. Und noch eine gute Geschichte…

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