Warum ich mich von Körperidealen verabschiede

Vor ein paar Tagen habe ich ein spannendes Interview mit einer sehr klugen Frau geführt. Dabei ging es um bestimmte Körperideale und welche chirurgischen Eingriffe es gibt, um diese Ideale zu erreichen. Das Interview selbst wird noch erscheinen, daher kann ich hier noch nicht ins Detail gehen, aber das Gespräch hallte lange in mir nach.

Es war einer dieser warmen Tage, die uns der Mai in diesem Jahr beschert. Ich fuhr nach dem Interview nach Hause. Dort tobten die Mädchen ausgelassen im Garten, rannten durch den Rasensprenger und freuten sich über die Spuren ihrer nassen Füße auf dem Trampolin. Sie waren ganz bei sich und mit sich und ihrem Körper im Reinen.

Ich war so angerührt. Sie wissen noch nichts von den Erwartungen, die irgendwann an sie gerichtet werden und wovon mir meine Interviewpartnerin erzählte. Wie sie als Mädchen und später als Frauen auszusehen, sich zu geben haben. Dass sie nicht zu dick sein dürfen, zu klein, zu groß, zu alt, zu jung, zu dünn, zu burschikos, zu schüchtern, zu zickig, zu laut, zu leise, die Haare zu lang oder zu kurz oder zu blond/brünette/blau oder grau. Sie wissen noch nichts von den Idealen, die so weit entrückt sind von der Wirklichkeit, dass sie erreichen zu wollen nur krank machen kann.

Sie sind so frei. Und ich frage mich, warum wir Erwachsenen das nicht mehr sind. Was ist passiert, dass wir angefangen haben, unsere Körper, die uns einst auf dem Trampolin springen ließen, nun als etwas zu empfinden, gegen das man arbeiten muss? Das man im Zaum halten, hart trainieren, geißeln muss?

Mir ging es an diesem Nachmittag ähnlich wie Taryn Brumfitt in ihrer Dokumentation „Embrace“ (dieser Film, der dank Nora Tschirner in Deutschland so Furore gemacht hat). Darin erzählt sie, wie die Vorstellung daran, ihre Tochter würde auch einmal anfangen mit ihrem Körper zu hadern, das Herz gebrochen hat. Zuvor hatte sie selbst ihren Mutterkörper mit all den Makeln und Schwangerschaftskilos unter großem Aufwand für einen Bodybuilding-Wettbewerb gestählt — um dann festzustellen, dass sie auch mit diesem Fitness-Körper nicht glücklich war.

Nun muss ich glücklicherweise keinen Bodybuilding-Wettbewerb absolvieren, um mir Gedanken darüber zu machen, mit welchem Selbstbild meine Töchter aufwachsen sollen — und welchen Anteil ich daran habe und haben kann.

Eltern als Rollenvorbilder

Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass Eltern den größten Einfluss auf das Körperbild ihrer Söhne und Töchter nehmen, erst dann folgen Medien und Gleichaltrige (vgl. McCabe & Ricciadelli 2003; Stanford & McCabe 2006). Wir Eltern fungieren also als Rollenvorbilder; wie wir zu unseren Körpern stehen und wie wir mit ihnen umgehen, geben wir an unsere Kinder weiter. Und ich will ihnen kein Modell dafür sein, ein Leben lang unglücklich mit sich zu sein.

Mir ist klar, dass es gesellschaftliche Normvorstellungen gibt, dass auch ich nicht gänzlich frei bin von den Bildern, die über sämtliche medialen Kanäle auch in meinem Hirn landen und dort meine Schönheitsideale konstruieren. Auch ich spüre manchmal den Druck, so oder so aussehen zu müssen. Aber mit jedem Kind hat auch dieser Druck in mir mehr Gegengewicht (Achtung Wortspiel) bekommen.

Da ist zum einen die Vernunft, die mir sagt, dass diese ganzen Schönheitsideale großer Quatsch sind. Selbst die Models sind ja nicht hübsch genug, um ohne Photoshop auf die Titelseiten und Plakate zu kommen, wie also sollte ich das sein?!

Dann ist da der Trotz, der ohnehin ein Problem mit dem Anpassen hat. Richten x und y ganz besonders irrsinnige Erwartungen an mich, schaltet sich der Trotz automatisch ein. Dann beiße ich genüsslich in den Schokoriegel und zeige x und y gedanklich den Mittelfinger.

Freude über das Leben

Am lautesten in mir ist aber inzwischen die Freude. Die Freude über das Leben. Die funktioniert so wunderbar, weil sie den Blick aufs Wesentliche lenkt. Absurde Erwartungen über mein Äußeres nehme ich schlicht nicht mehr so wahr. Klar, mein Körper hat sich verändert seit ich Mutter bin. Wie kommen wir bitte auf die abwegige Idee, das könnte anders sein?!

Nach der Geburt meiner dritten Tochter habe ich zu meinem Mann gesagt: „Wenn ich irgendwann anfangen werde an meinem Körper herumzumäkeln, erinnere mich an genau diesen Punkt!“ Ich hatte gerade ein 4,2-Kilo-Sternengucker-Baby zur Welt gebracht und dieser Körper war stark. So stark!

Dieser Körper trägt mich durch diese Welt, er kann Kinder zur Welt bringen, sie ernähren, er kann Menschen in den Arm nehmen und Schränke in den zweiten Stock schleppen, er kann sogar Trampolin springen. Meine Freundin, deren Körper so krank war, dass sie noch während unserer Uni-Zeit starb, sie hätte sicher gerne meinen gehabt. Nicht perfekt und gerade sicher auch nicht top in Form. Aber ein akzeptabler, gesunder Körper.

Ich weiß, dass es viele Menschen und gerade Mütter nicht so empfinden. Dass sie mit ihrem neuen Körper hadern, dass sich einige operieren lassen und dass es einigen nach so einem Eingriff sogar besser geht. Das finde ich völlig in Ordnung, denn dahinter stecken immer persönliche Geschichten und Schicksale und jeder ist völlig frei darin, eigene Entscheidungen zu treffen. Auch glaube ich nicht, dass man sich schön fühlen muss. Ich denke schlicht, dass es so viel Wichtigeres als Schönheit gibt. 

Auch ich finde nicht jeden Tag spitze, was ich im Spiegel sehe. Aber an den meisten Tagen blicke ich in den Spiegel und sehe so viel Leben. Meins und das meiner Kinder. Und ja, auch viele Spuren davon. Aber hey, das mit dem Leben, das finde ich wirklich schön!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.