Welcome to Spießerhausen! Warum wir im Neubaugebiet wohnen

Gerade haben wir den Parkettboden verlegt. Eiche, handgehobelt, natur geölt. In unserem neuen Haus. Wir haben uns festgelegt: Die nächsten Jahre oder gar Jahrzehnte wohnen wir mit unseren drei Kindern und einem Hund in einer Doppelhaushälfte in einem Neubaugebiet. Welcome to Spießerhausen. What the fuck!

Noch vor zehn Jahren hätte ich mich eher in einer Altbauwohnung in Hamburg-Eppendorf, einem Loft in Manhattan, einer Strandhütte in Goa oder in einem Bauwagen im Berliner Umland gesehen. Ein Roadtrip durch Südamerika hätte mir damals weniger Angst gemacht, als die Vorstellung von Putzpartys im Klinkerbau. Urbanität, Kosmopolitismus, Liberalismus — alles Dinge, die meiner Generation (die Y-ler) wohl besonders wichtig sind und von dem mein Leben gerade meilenweit entfernt ist.

Zurück in meine Heimatstadt, ein Haus im Neubaugebiet — ein kleiner Teil in mir hat es am Anfang als eine Art Niederlage empfunden. Die große Sorge: Ein Leben in der Durchschnittlichkeit, eingemeißelt in die lupenreine Hausfassade. Aber was soll ich sagen?! Ich liebe dieses Leben!

Kinder können uns ein ganz großes Geschenk mitbringen, sofern wir sie denn lassen. Dieses Geschenk klingt so gar nicht prätentiös, es lässt sich nur schlecht in Szene setzen und manch einem kann es gar einen ganz schönen Schreck einjagen. Und trotzdem gehört es zu den besten Dingen, die ich je bekommen habe — es ist die Bodenhaftung.

Die fühlt sich manchmal nach Betonschuhen an. Viel öfter aber nach geerdet sein, ankommen, ein Zuhause haben. Inzwischen habe ich verstanden, dass Heimat kein Ort ist. Es ist ein Gefühl. Und wenn man sich erst darauf eingelassen hat, schärft sich der Blick für all die tollen Dinge, die einem zuhause begegnen können. Sogar in Spießerhausen:

 

1.Gemeinschaft
Wir haben weder Lieferando oder Deliveroo, dafür haben wir eine Art Foodsharing in der Nachbarschaft: Einer in der Straße hat aber immer Eier, Nudeln oder Parmesan im Haus, wenn die bei uns mal wieder fehlen. Genauso wie einen Rasenmäher oder helfende Hände, wenn die neue Ikea-Kommode ins Dachgeschoss geschleppt werden muss. Und wir grüßen uns auf der Straße — mit Namen!

 

2. Überschaubarkeit
Hier im Baugebiet haben wir auch keinen Deli oder Späti, nur einen profanen Bäcker. Zu dem kann aber schon meine Vierjährige alleine gehen und Brötchen holen. Siedlung und Stadt sind groß genug, um den Mädchen Raum zum Wachsen zu geben, und überschaubar genug, um sie ohne Sorgen ziehen zu lassen.

 

3. Freiheit
Die Kinder klingeln, wenn sie spielen wollen. Keine Play-Dates in WhatsApp-Gruppen (was vor allem Freiheit für uns Eltern bedeutet). Die Kinder fahren auf Rollern durch die Straßen und bauen Buden in den Büschen am Spielplatz. Sie fahren mit ihren Cousins Go-Kart auf der Straße — ohne, dass ich sie sehe! Sie kommen nach Hause, wenn die Laternen angehen.

 

4. Freundschaft
Unsere Nachbarn sind zu unseren Freunden geworden, mit denen wir grillen und die sich auch spontan in der Nacht um die Kinder kümmern, wenn plötzlich der Weg in die Notfallambulanz ansteht. Aber auch die Kinder knüpfen Freundschaften, vielleicht fürs Leben, vielleicht nur für eine kleine Weile. Sie fahren morgens zusammen mit dem Bus zur Schule und am Nachmittag spielen sie in der Siedlung. Und manchmal schleppen sie am Abend die Bettwäsche zum Übernachten über die Straße.

 

5. Familie
Meine Schwester wohnt mit ihren vier Kindern etwa 100 Meter entfernt. Nicht im Baugebiet, aber in der Nähe wohnen mein Bruder mit seinem Sohn und meine Mutter. Auch meine Schwiegermutter ist in einer halben Stunde bei uns zuhause. Wie schön die Nähe der Familie ist, hängt immer auch von der Beziehung zu den Familienmitgliedern ab. Bei uns ist es an den allermeisten Tagen ein Segen, dass wir alle so nah beieinander wohnen.

 

6. Sauberkeit
Das ist vielleicht ein Spießerding, aber machen wir uns doch nichts vor: Mit Kindern ist es schon schön, wenn weder Scherben noch gebrauchte Spritzen im Vorgarten liegen. Aber klar: Das andere Extrem, etwa ein putzteufeliger Nachbar, der auch von mir eine auf den Millimeter genau gestutzte Rasenkante erwartet, wäre für mich ähnlich furchtbar.

 

7. Bezahlbarkeit
Neulich habe ich die Immobilienseite der Süddeutschen Zeitung durchgesehen: Dreizimmerwohnung in München, Kaufpreis 750.000 Euro. Das ist doch verrückt! Wir haben gerade unser Haus gekauft und glauben, dass wir mit unserem Mittelschichtseinkommen die Summe am Ende der Kreditlaufzeit tatsächlich auch bewältigen zu können.

 

8. Natur
Genau zwei Minuten und 15 Sekunden laufen wir zum nahegelegenen See. Haben wir ihn halbumrundet, können wir in die großen Wälder rund um unsere Stadt verschwinden. Inzwischen kennen sich die Kinder deutlich besser mit Kräutern und Krabbeltieren aus als wir Eltern.

 

9. Individualität
Viele dieser Menschen hier in der Siedlung haben einen ähnlichen, verschwurbelten Sinn für Ästhetik und so säumen Gabionenwände und Steinhaufen die Vorgärten und Einfahrten dieser Siedlung. Bei so viel Konformität ist es ein Leichtes, einen auf ganz individuell zu machen. Mit dem Wildwuchs im Garten sind wir jedenfalls die Rebellen im Reich der Steingärten. Hier gibt es vielleicht keine Vintage-Läden, dafür aber das Second-Hand-Kaufhaus der Diakonie. Die Sachen dort sind ähnlich hässlich ironisch schick.

 

10. Exit-Strategie
Ich glaube nicht, dass ich jemals die Sehnsucht nach der großen weiten Welt verlieren werde. Packt sie mich akut, fahre ich in die nächstgelegene Großstadt oder fliege wenigstens einmal im Jahr übers Wochenende in eine der Metropolen Europas. Wir planen nicht, bis an unser Lebensende hier zu wohnen. Wie das Leben spielt, wissen wir nicht. In 15, 20 Jahren sind unsere Kinder schon ziemlich groß und wir noch jung genug, irgendwo anders neu anzufangen — sollten wir noch immer Lust darauf haben.

Eine Antwort auf „Welcome to Spießerhausen! Warum wir im Neubaugebiet wohnen“

  1. Yeah, you made it! Ich bin jetzt schon ein großer Fan und dankbar mit Dir und Euch hier in dieser Siedlung zu wohnen. Schön, dass es euch gibt! ❤️

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