Liebe Männer, werdet laut!

Meine Freundin hat gerade einen dieser Threads geteilt, bei denen man das kalte Kotzen bekommt. Bei dem Männer darüber schwadronieren, wie f…bar eine junge Aktivistin ist. Ich halte mich gar nicht daran auf zu überlegen, wie sinnvoll diese Threads und die Tiraden darauf sind. Ebenso wenig verschwende ich Zeit darauf, ein küchenpsychologisches Profil für die kommentierenden Honks zu erstellen. Sie sind mir egal. Was mich aber viel mehr aufregt, ist das große Schweigen. Das große Schweigen der großen Männer.

Für Frauen ist es besonders schwer öffentlich Position zu beziehen, weil sie besonders häufig Opfer heftigster Anfeindungen im Netz werden. Warum springen ihnen aber so wenige Menschen, so wenige Männer öffentlich bei? Ich bin überzeugt, dass viele Diskussionen und Situationen eine andere Dynamik entwickeln würden, wären da die Stimmen der Männer (allen voran die der einflussreichen), die sagen: „Stopp! Das geht gar nicht!“ 

Was übrigens kein reines Phänomen politischer Diskussionen ist, sondern uns alle betrifft. Denn auch jenseits der Öffentlichkeit haben viele Menschen, und eben viele Frauen, noch immer mit vielerlei Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Weniger Lohn, mehr Hausarbeit, sexistische Sprüche, Jobs, die man nicht bekommt, weil man Mutter ist oder eine werden könnte — das sind nur ein paar Beispiele. 

Um das zu ändern, seid auch ihr gefragt, liebe Väter, Kollegen und Freunde in unserem Umfeld. Wir brauchen nämlich Männer, die sich nicht nur als Feminist bezeichnen, um die nächste Hipster-Attitüde zu bedienen. Wir brauchen Männer, die nicht peinlich berührt weiter lachen, wenn ein Kollege oder Kumpel mal wieder einen völlig unangemessenen Spruch raushaut. Die auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen, sagen: „Ey, so nicht!“

Wir brauchen Männer, die das Spiel nicht mehr mitmachen, wenn Frauen geringer bezahlt werden. Die ganz selbstverständlich Raum für ihre Familie schaffen — ohne dafür Applaus zu erwarten. Und die damit auch Vorgesetzten und Kollegen zeigen, dass das „Risiko“ einer Familiengründung eben nicht nur Frauensache ist.

Wir brauchen Männer, die ihre Töchter zu selbstbewussten und empathischen Menschen heranwachsen lassen wollen — und sich das auch für ihre Söhne wünschen. Väter, die ihren Kindern vorleben, was Selbstwert, Toleranz und Mitgefühl bedeuten.

Viele Männer, die ich kenne, haben sich da schon auf den Weg gemacht. Aber bitte, wenn ihr das ernst meint mit der Gleichberechtigung, dann werdet lauter! In öffentlichen Diskussionen, im Büro, auf der Familienfeier. Für mich ist die Rechnung recht simpel: Haben wir mehr von diesen Männern mit Rückgrat, haben wir auch weniger Honks. Und das tut doch uns allen gut.

Liebe Arbeitswelt, ich bin Mutter und ich habe ein Gehirn!

Guten Tag, ich bin bereit! Sind Sie es auch? Vielleicht sollten wir Mütter diese Frage das nächste Mal stellen, wenn wir beim Vorstellungsgespräch, bei Rückkehr- oder bei Perspektivgesprächen unseren Chefs (ja, hier bewusst das generische Maskulinum gewählt) gegenübersitzen. Ich mein, vielleicht kam das Jahr 2019 auch ziemlich überraschend für sie. Wer hätte denn auch ahnen können, dass Frauen heute studieren oder eine Ausbildung machen, um dann nicht nur irgendeinen Job machen zu wollen, sondern einen, für den sie tatsächlich qualifiziert sind. 

Wie auch ich verlassen viele Frauen in meinem Umfeld gerade die Phase, in der die Kinder klein und der Schlaf kurz ist. Es ist diese Zeit, in der wir spüren: Die Kinder brauchen nicht mehr unsere geballte Aufmerksamkeit. Da wird wieder Energie frei! Dabei wollen wir nicht nur einen Fuß wieder hineinsetzen ins Berufsleben. Wir wollen mit beiden Füßen fest im Job stehen – und schauen, wie weit wir kommen könnten. Ob wir dazu aber überhaupt die Chance bekommen, ist eine ganz andere Frage. 

Immer wieder höre und erlebe ich noch immer, wie Mütter und solche, die es mal werden könnten, ausgebremst werden. Wie Gehaltserhöhungen nicht gehen („Sie sind doch gerade erst aus der Elternzeit zurück“, sagte der Chef — eineinhalb Jahre nach der Rückkehr…), Beförderungen nicht kommen, weil sie ja NOCH KEINE Kinder hat oder sie bekommen gar nicht erst eine Stelle, weil Teilzeit und Jobsharing ja so viele Nachteile brächten (auch wenn man sich gerne mit dem Wort „familienfreundlich“ schmückt). Oder sie sitzen beim Bewerbungsgespräch jemandem gegenüber, der vor allem sieht, was sie alles nicht können. Eigentlich ein alter Hut. Und trotzdem noch immer aktuell. Sehr wahrscheinlich auch noch im Jahr 2020. Schließlich hängt die Bewertung eines Lebenslaufs nun einmal davon ab, wer ihn liest und was er lesen will. 

Auch für meinen Lebenslauf gibt es unterschiedliche Lesarten. Zum einen habe ich drei Kinder bekommen, was im Journalismus als ungewöhnlich oder merkwürdig (Journalistinnen bekommen noch seltener Kinder als der Durchschnitt aller Akademikerinnen) interpretiert werden könnte. Dann habe ich die Kinder auch noch während des Studiums bekommen. Was etwa dazu führte, dass ich eben nicht tausend Praktika gemacht und nicht wie geplant ins Ausland gegangen bin. Stattdessen bin ich zu Vorsorgeuntersuchungen bei meiner Frauenärztin gegangen, habe ein Kind auf die Welt gebracht, es versorgt und habe mir Sorgen gemacht. Zwar will es mir nicht in den Kopf, warum in einem Lebenslauf vier Monate Saufkoma in einer europäischen Studentenstadt wirklich geiler sein sollen als die Fähigkeit, nach monatelangem Schlafentzug immer noch recht klaren Verstandes zu sein, aber eben auch hier gilt: Alles eine Frage der Lesart. 

Übrigens arbeite ich seit meinem 19. Lebensjahr im Journalismus. Ich komme also inzwischen auf 15 Jahre Berufserfahrung. Und nein, ich habe mein Gehirn nicht bei der Geburt mit hinausgepresst (wie ich es neulich aus einer Personalabteilung hörte). Ich habe sogar die ganze Zeit weitergearbeitet. Und trotzdem treffe auch ich zuweilen auf Menschen, die ihr Augenmerk vor allem darauf legen, was ich alles nicht kann. Und das ist naturgemäß eine ganze Menge. Es gibt soo viele Texte, die ich (noch) nicht geschrieben habe. So viele Interviews, die ich nicht geführt habe. So viele Redaktionen, für die und in denen ich noch nie gearbeitet habe und vielleicht auch nicht arbeiten werde. Übrigens kann ich auch nicht häkeln. Und nicht programmieren. Und ich kann auch kein Italienisch, weswegen ich mich übrigens auch nicht als Korrespondentin in Rom bewerben würde. Aber viele andere Sachen kann ich – sogar ganz gut. 

Vor allem aber habe ich als Mutter die krassesten Skills überhaupt erworben. Leidensfähigkeit (warum fällt mir das nur als erstes ein?!) zum Beispiel, Gelassenheit, Klarheit, Übersicht, Geduld, Selbstorganisation, Multitasking und vor allem Improvisationstalent. Auch das könnte man aus der Zeile „Drei Kinder“ herauslesen, wenn man es denn wollte. 

Manche raten in Jobkolumnen aus unterschiedlichen Gründen dazu, Mutterschaft oder Elternzeiten im Lebenslauf zu verschweigen. Ich sehe das ja ganz anders. Ich finde ja, wir sollten in die Arbeitswelt hinausposaunen: „Wir sind Mütter und wir haben ein Gehirn!“ Vielleicht bin ich auch naiv, aber ich möchte wirklich, dass die Tatsache, dass ich Kinder habe, nicht als hinzunehmendes Übel, sondern ernsthaft als Bereicherung gesehen wird. Ich möchte Menschen gegenübersitzen, die sehen, was ich alles kann. Oder die zumindest sehen, was ich alles können könnte. Ja, liebe Arbeitswelt, ich bin bereit. Bist du es auch? 

Einschulung deluxe: So teuer ist der Schulstart

In diesem Sommer stehen uns zwei Einschulungen bevor. Die Mittlere kommt in die Grundschule, die Große geht nun auf die weiterführende Schule. Und beide Einschulungen sind an einem Tag. Das wird bestimmt schön. Zuvor allerdings müssen wir eine ganz andere Hürde nehmen: das Geld!

Denn Kinder in die Schule zu bekommen ist ganz schön teuer! Allein für das Schulmaterial der beiden Mädchen wie Hefte, Ordner, Kladden oder Pinsel habe ich satte 75 Euro bezahlt. Hinzu kommen dann Bücher, die wir anschaffen müssen und Geld, dass wir schon beim Kennenlernnachmittag und -abend für weitere Materialen, Holzkisten oder Klassenkassen bereithalten sollten. Dann ist da noch die Ausstattung selbst, also die Tornister. Ein Tornister kostet inzwischen um die 250 Euro.

250 EURO! Ein Preis, der mit nichts zu rechtfertigen ist. Das sind ja keine hightech-carbon-NASAmäßigen-Superteile, die nix wiegen und unkaputtbar sind. Nein, das sind einfach quadratische Taschen, die die Kinder nach spätestens drei Jahren hässlich finden. Nicht einmal ökologisch sind die sinnvoll. Aber es gehört eben zum Ritual, sich einen Tornister aussuchen zu dürfen. Das will man seinem Kind natürlich nicht verwehren — und das wissen eben auch Scout und Co.

Um die Schultüte kümmert sich zum Glück die Patentante, da bin ich dann raus aus der Nummer. An dem Tag selber allerdings haben wir ja die Familie und Paten hier, und weil ja morgens Einschulung 1 ist und nachmittags Einschulung 2, möchte der ein oder andere zwischendurch auch mal was essen oder trinken. Allein im engsten Kreis sind wir in der Regel zwischen 25 und 30 Personen; ein bisschen Catering und schon sind wir bei rund 200 Euro.

Das alles machen wir auch gerne, und doch umtreibt mich eine Frage. Für uns sind diese beiden Einschulungen finanziell zwar ein Ritt, auch deswegen fahren wir in diesem Sommer (wieder) nicht groß in den Urlaub. Aber wir kriegen es ja hin. Wie aber ist das bei Familien, die geldtechnisch deutlich schlechter gestellt sind? Es gibt Zuschüsse, aber die reichen doch bei Weitem nicht! Davon kann man vielleicht einen Teil vom Schulmaterial besorgen, aber reicht das für einen neuen Scout-Tornister? Ich denke nicht. Und damit sind manche Kinder schon vor dem ersten Läuten der Schulglocke längst abgehängt.

Jutebeutel statt Tornister? 

Jetzt könnte ich natürlich sagen, weil ich diesen kapitalistischen Mist doof finde, mache ich nicht mehr mit. Natürlich könnten die Mädchen ihre Sachen auch in einen Jutebeutel packen — vielleicht gehörten sie in der 9. Klasse damit sogar zu den Hipster-Kindern. Sie sind aber nicht in der 9, und in der 1 und in der 5 trägt man halt so teure Dinger auf dem Rücken. Und auch wenn ich es nicht gut finde, möchte ich meinen Töchtern Teilhabe ermöglichen und das bedeutet auch, gewisse Trends mitzumachen. Der große Unterschied ist dabei: Ich kann mich entscheiden, mitzumachen oder eben nicht. Andere Familien schauen in ihr Portmonee und die Entscheidung ist längst gefallen. Erste Lehrstunde in der Schule: soziale Ungleichheit.

Gerade habe ich noch nicht die ganz große Idee, wie diese Schulnummer auch ne Runde günstiger geht. Eine Deckelung der Tornisterpreise sehe ich aktuell nicht kommen, gleiches gilt fürs Schulmaterial (warum muss es noch gleich ein „Pelikan“-Farbkasten sein und warum muss der 15 Euro kosten?). Was aber wir Eltern machen können, ist bei diesem Party- und Geschenkemarathon auszusteigen. Vielleicht tut es auch den eigenen Kindern gut, wenn sie nicht so überladen sind mit neuen Spielsachen und großen Veranstaltungen. Dann hätten sie auch Zeit und Ruhe für das eigentlich wichtigste am Einschulungstag: das Auspacken der Schultüte!

Das Dritte-Kind-Syndrom: Danke, du Arsch!

Die Lieblingssätze der Zweijährigen zeichnen sich aktuell vor allem dadurch aus, dass sie mindestens ein Schimpfwort enthalten. „Danke, du Arsch!“, ist ganz vorne mit dabei, gefolgt von „Ja, du alte Fleischwurst!“. Das ist natürlich schon sehr witzig und offenbart etwas, das ich jetzt mal das Dritte-Kind-Syndrom nenne.

Anzeichen sind Bedarfstaubheit bei etwaiger inadäquater Wortwahl im Kindersprech, temporäre Lähmungserscheinungen, etwa wenn die Zweijährige das Müsli auf Tisch und Boden schüttet (und ich weiß, dass ich es erst zu ihr schaffe, wenn ohnehin die gesamte Packung ausgeschüttet ist) und überhaupt eine gewisse Gleichgültigkeit für vermeintliche Erziehungsfehler.

Tatsächlich hat sich bei uns mit Kind 3 noch mal einiges gedreht. Zum einen trägt ihr Temperament schon viel dazu bei, dass es hier manchmal drunter und drüber geht. Zum anderen — und vermutlich das ist der wohl entscheidendere Faktor — hat sich unsere Einstellung zu vielen Dingen geändert.

Die meisten Kämpfe fechte ich einfach nicht mehr aus. Oftmals fehlt mir schlicht die Kraft und ich weiß vorher schon, dass diese Nummer nicht gut für mich ausgehen würde (was folgt noch mal auf 3, wenn ich sage ich zähle bis…ach, lassen wir das). Aber wenn wir ehrlich sind, können wir auch auf viele dieser kleinen Alltagskämpfe verzichten. Um wieder die aktive Rolle zu übernehmen, habe ich mich jedenfalls in vielen Situationen AKTIV dazu ENTSCHIEDEN, nichts mehr zu tun.

Dass die Zweijährige gerade zum Beispiel keine Schuhe tragen will, finde ich in den allermeisten Fällen gar nicht schlimm. Läuft sie halt barfuß durch den Wald. Dass sie auch sonst gerne wenig Kleidung trägt, finde ich auch nicht tragisch. Im März ist sie ohne Hose am Nordseestrand entlang gelaufen, und war eines der wenigen Kinder, die während der Mutter-Kind-Kur überhaupt nicht krank geworden sind.

Manchmal behelfe ich mir auch, zum Beispiel ziehe ich die Kleidung für den nächsten Tag schon am Abend an. Dadurch habe ich weniger Wäsche, weil keine Schlafanzüge, und weniger Stress, weil keinen Anziehkampf am Morgen.

Dann gibt es natürlich auch Situationen, in denen es keine Kompromisse gibt und ich konsequent bleibe. Im Straßenverkehr zum Beispiel muss ein „Stopp!“ ein Stopp sein. Und wenn die Zweijährige im Auto stehend auf der Rückbank mitfahren will, fährt das Auto eben nicht weiter. Das ist nervig, klar. Und langweilig — für uns beide.

Und wie ist das jetzt mit dem „Danke, du Arsch!“? Nun, die größte Herausforderung in diesen Situationen ist, nicht zu lachen. Ganz ehrlich: Ich finde das nicht so furchtbar schlimm. Meine Erfahrung lehrt mich, dass Sätze wie „das ist ein blödes Wort!“ oder „das will ich nicht hören!“ bei Kindern von zweieinhalb Jahren die Freude am Sagen nur verstärken. Also sende ich nach außen größtmögliche Ignoranz und bewahre mir das Lachen dann für später auf. 

Natürlich raubt mir diese Zweieinhalbjährige manchmal den letzten Nerv, aber das ist eben auch das Schöne am dritten Kind: Du weißt, auch diese Phase geht irgendwann vorbei (und eine andere kommt, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte).

Ja, manchmal scheitere ich! Über Vorstellung und Wirklichkeit von Vereinbarkeit

Diesen Text habe ich am 4. Januar angefangen. Ich wollte ihn zu Ende schreiben, wenn ich das letzte Interview abgetippt, die Wäsche aufgehängt, den Text an die Redaktion geschickt, die Kinder abgeholt, den Hund ausgeführt, die Rechnung bezahlt, viel mehr Geld verdient, die Zettel für Elternsprechtag und Schüleraustausch ausgefüllt und den Emaileingang abgearbeitet habe.

Hat nicht geklappt. Kam was dazwischen. Mehr Wäsche zum Beispiel. Und Kinder. Und Arbeit. Nur noch das Interview abschicken. Nur noch die eine Dienstreise. Zwischendurch hatte ich mal den hehren Plan, diesen Text hier morgens vor der Arbeit zu schreiben. Hat aber leider nicht gepasst zwischen meinem morgendlichen Yogaübungen und Waldläufen, ehe ich den Tag mit einem gesunden und ausgiebigen Frühstück beginne.

Ach so, Yogaübungen und Waldläufe habe ich morgens auch nicht geschafft. Das Frühstück meistens auch nicht. Ich lese ständig Artikel über besseres Zeitmanagement und wie wichtig gute Morgenroutinen sind und ich stelle fest: Ich bin schon am Morgen ein Versager. Ich kann leider nicht um 5.30 Uhr meine Sporteinheit einplanen. Ich habe vorher auch nicht mindestens acht Stunden am Stück geschlafen. Guess why.

Wo ist sie geblieben, die Zuversicht? 

Eigentlich wollte ich einen Text darüber schreiben, dass ich etwas verloren habe. Etwas, dass mich lange begleitet hat, mir aber irgendwann in den vergangenen Monaten oder Jahren abhanden gekommen sein muss. Es ist dieses „Passt-Schon“-Gefühl. Diese Zuversicht, dass alles klappen wird. Die Leichtigkeit des Seins.

Ich wollte darüber schreiben, dass ich mich frage, wo dieses Gefühl wohl geblieben sein muss. Vielleicht ist es zwischen Kind 2 und 3 auf der Strecke geblieben? Oder ist das vielleicht auch einfach so, dass sich das Leben mit 33 so erwachsen anfühlen muss? Dass das „Passt-Schon-Gefühl“ zwangsläufig dem „Wie-zum-Henker-soll-das-alles-klappen-Gefühl“ weichen muss? 

Jetzt, wo ich diese Zeilen hier lese, habe ich eher die Vermutung, dass es vielleicht unter einem Riesenhaufen Wäsche vergraben ist. Das wiederum würde bedeuten, ich hätte diese Leichtigkeit gar nicht verloren — eben nur verlegt.

Eigentlich wundert es mich gar nicht, dass ich mich so fühle, denn wir sind hier gerade so richtig in der Rushhour des Lebens; das volle Programm mit Haus, kleinen Kindern und eine berufliche Phase, in der Weichen gestellt werden wollen. Wieso glaube ich und glauben andere, da könnte man so ganz entspannt durchspazieren oder gar joggen?

Ein Kraftakt für alle

Die Vereinbarkeit der vielen Lebensbereiche ist ein Kraftakt, der alle in unserem Umfeld fordert (nur als Beispiel: Damit ich gestern eine Schulung in Köln besuchen konnte, brauchte ich zwei Omas, eine Schwester und eine Nichte plus eine Ganztagskita). Und am Ende bleibt trotzdem oft das Gefühl, nicht genug zu sein. Nicht genug Mama, nicht genug Ehefrau, Journalistin, nicht genug Freundin, nicht genug Tochter, Schwester, Bloggerin und vor allem nicht genug ich.

Jetzt könnte ich natürlich sagen: Mensch, warum hast du auch so hohe Ansprüche an dich selbst?! Aber das wäre zu billig. Es ließe mich und auch die vielen anderen Eltern, die gerade in dieser Troubleshooting-Lebensphase sind, mit diesem Gefühl zurück, selbst schuld zu sein. Dabei gibt es Rahmenbedingungen und gesellschaftliche (Rollen-) Erwartungen, die uns das Leben ganz schön schwer machen.

Neulich sagte mir meine Freundin, dass bei uns immer alles so easy wirke. Dabei will ich gar nicht mitmachen bei dieser Competition, wer hier die entspannteste Mutter ist. Bei uns ist vieles nicht easy und auch wir kommen hier zuweilen an unsere Grenzen. Das ist mühsam. Und trotzdem würde ich mich immer wieder fürs Kinderkriegen entscheiden.

Mehr Transparenz, bitte! 

Die Vereinbarkeit ist eine fucking Herausforderung — die ich manchmal meistere, und manchmal nicht. Dann rufe ich nicht zurück, dann vergesse ich die Zettel für die Schule, dann kriege ich die zweite Mahnung und dann brauche ich fünf Monate um einen Text zu schreiben. Das ist dann blöd. Aber so ist es eben.

Dass es diese vielen Vereinbarkeitsprobleme gibt, kann ich nicht ändern. Aber ich halte es für wichtig, dass wir sie transparent machen. Nicht nur unter uns Eltern, sondern es am liebsten in die weite (Arbeits)welt hinausschreien. Einfach damit sichtbar wird, was es bedeutet diese vielen Bälle zu jonglieren, auch um unseren Teil zum gesellschaftlichen Leben beizutragen. Denn so viel ist mir durchaus klar: Eine größere Waschmaschine ist sicher keine Lösung. 

Als ich meine Lehrer grillte – digitale Kindheit früher und heute

Neulich fragte mich eine Freundin meiner großen Tochter nach unserem WLan-Passwort. „Warum?“, fragte ich zurück. „Weil ich mein Tablet mitgebracht habe“, sagte sie und ich fragte wieder: „Warum hast du dein Tablet mitgebracht?“ Die Antwort war simpel: „Weil ich mein Smartphone nicht gefunden habe.“ Ja, so kann der Spielbesuch in der vierten Klasse schon mal ablaufen.

Wer jetzt glaubt, es folgt eine Tirade über die furchtbar schreckliche Digitalisierung und die verkorksten Kinder und Jugendlichen, die nur auf ihre Handys starren und es damit ihren so handysüchtigen Rabenmüttern gleich tun, also wer hofft, darüber werde ich mich jetzt mal so richtig echauffieren, den muss ich leider enttäuschen. Denn irgendwie will ich nicht mit einstimmen in den Abgesang der digitalisierten Jugend.

Am Wochenende lauschte ich bei einer Veranstaltung den Worten Katja Seides, die etwas zum Thema Digitale Familie erzählte. So manch Zuhörerin rieb sich die Ohren. Hatte sie sich gerade verhört oder sagt die Frau mit dem Mikrofon tatsächlich, dass Mediennutzung an sich erst einmal gar nicht blöd machen muss. Verrückter Weise könnte sogar das Gegenteil der Fall sein, dass Kinder und Jugendliche nämlich mit Begeisterung Dinge am Bildschirm lernen. Schleim zu produzieren, zum Beispiel.

Pinterest, ein magischer Ort

Während die Bestseller-Autorin das erzählte, stieg mir wieder der Duft in die Nase, der zwei Stunden zuvor noch unsere Küche eingehüllt hatte. Die Neunjährige war gerade dabei gewesen, Maoams im Ofen schmelzen zu lassen (leider etwas zu lange), um essbare Knete herzustellen. Es war der sechste Versuch in dieser Woche, etwas Knetbares zu produzieren — alle Infos dazu hatte sie bei Pinterest gefunden. Die Große malt, bastelt, sammelt, baut, modelliert und experimentiert was das Zeug hält. Pinterest ist für sie mit ihrer Krämerseele ein magischer Ort, eine unendliche Geschichte. Inzwischen hat sie sich auch im Programmieren geübt, ebenfalls eine Disziplin für Tüftlerinnen wie sie. 

Ich halte Mediennutzung also nicht per se für schlecht. Manchmal ist sie gut, wenn die Große Knete produzieren oder Baumhäuser bauen möchte. Oder wenn ich einfach mal in Ruhe kochen will. Dann freue ich mich über den Netflix-Account und darüber, dass alle drei Kinder eine halbe Stunde lang Ruhe geben. Am liebsten schauen sie gerade übrigens Die Pfefferkörner. Eine Sendung, die ich als Kind nie geguckt hätte.

Selektive Programmgestaltung

Das ist nämlich auch noch so eine Sache: Seit wir nicht mehr auf das lineare Fernsehen angewiesen sind und die Programmauswahl deutlich selektiver gestalten können, sehen die Kinder nur die Inhalte, die sie auch sehen wollen — und von denen wir wollen, dass sie sie sehen. Das hat auch zur Folge, dass die Mädchen mit uns liebend gerne Fußball schauen, weil in der Halbzeit immer Werbung kommt. Dass dort vorrangig Bier, Sportwetten und Kreditkarten beworben werden, ist ihnen egal. Dieses ihnen sonst so unbekannte Konzept der Werbeunterbrechung scheint sie zu faszinieren.

Wenn ich mir die Mediennutzung unserer Töchter anschaue, dann steht sie doch im starken Kontrast zu meiner als ich in ihrem Alter war. Ein größeres Angebot muss nämlich nicht analog zu höherem Konsum stehen. Ich habe damals geguckt, was im Fernsehen lief, übrigens durchgehend vom Nachmittag bis zum Abendessen und an den Wochenenden vom Aufstehen bis zum Mittagessen. Und dann war da nichts mit Pfefferkörner, ich habe Roseanne geliebt und die Bill Cosby Show, Hart aber herzlich und Thunder in Paradise geguckt. Die Simpsons natürlich ununterbrochen und früher, als ich noch viel kleiner war, Tom und Jerry. Das fand ich nie toll, aber es war halt da.

Meine Mutter hatte sich darüber weniger Gedanken gemacht, obwohl ich trotzdem sagen würde, behütet aufgewachsen zu sein. Sie war für dieses Thema einfach nicht so sensibilisiert. Als ich mal an einer Umfrage teilnahm und als Lieblingsfilm Pulp Fiction angab (da war ich gerade 12), hat sie erst aus der Reaktion meines Gegenübers schließen können, dass das nicht die beste Antwort gewesen war. Sie hatte schlicht keine Ahnung, was ich mit meinen Geschwistern so im Fernsehen geguckt hatte. Und das, obwohl wir nur einen Fernseher im Wohnzimmer hatten.

„Teacher Buster“ am C64

Und wir besaßen einen C64, zudem auch das Spiele wie „Teacher Buster“ gehörten. So konnte ich meine potenziellen Lehrer schon mit einem Flammenwerfer malträtieren, ehe ich überhaupt in die Grundschule ging. Dass meine Töchter heute so ein Spiel spielen, ist für mich unvorstellbar. Selbst die Große hat bislang Filme wie Harry Potter TEIL 1 vor lauter Grusel ausmachen müssen, der Fünfjährigen sind zuweilen schon die Schlümpfe zu spannend.

Ich glaube, viele Eltern sind heute kritischer und reflektierter in Sachen Mediennutzung, als es die Elterngenerationen vorher je waren. Und durchaus restriktiver: Unsere Töchter zum Bespiel schauen deutlich weniger fern als ich früher. Ich wollte auch nie, dass das Fernsehen in unserem Alltag ritualisiert und institutionalisiert wird. Daher gibt es bei uns zum Beispiel kein tägliches Sandmännchen-Gucken vor dem Schlafengehen. Ohnehin ist der Fernseher längst nicht täglich an. Ein Smartphone haben die Mädchen auch nicht. Aber bei uns gibt es auch keine künstlichen Zeitvorgaben wie eine halbe Stunde Medienzeit, weil Folgen eben auch mal 20 oder 40 Minuten dauern und das Basteltutorial so schnell vielleicht nicht zu Ende ist.

Ich finde es wichtig, sich etwaiger Gefahren der digitalisierten Welt bewusst zu sein und die Kinder gut zu begleiten. Ich glaube auch, dass exzessiver Medienkonsum nicht gut ist. Nichts ist wohl wirklich gut, wenn es exzessiv betrieben wird. Ich bin mir sicher, dass Kinder raus in die Natur müssen, dass sie sich in Dingen verlieren können sollten, dass sie Langeweile erleben und aushalten müssen. Und dass ihnen etwas fehlt, wenn sie all das nicht erleben. Aber meine Töchter werden sicher keine schlechten Menschen, weil sie auf Pinterest nach Knete-Rezepten suchen. Auch wenn ich das WLan-Passwort so schnell dann doch nicht rausrücke…

Gedanken aus der Mittelschichtsblase und was mich wirklich am „Heutzutage“ stört

Manchmal frage ich mich, was nicht stimmt an unserem Leben. Es scheint sich so wenig mit dem zu decken, was an düsteren Geschichten über unser „Heutzutage“ an Esstischen, in Kneipen, auf Elternabenden und ja, auch in den Medien erzählt wird. Zum Beispiel über das Miteinander-Leben: Anonym sei es geworden, niemand interessiere sich mehr für den anderen. Alte Leute lebten einsam in ihren Wohnungen, Kinder spielten nicht mehr auf der Straße. Ich höre und lese das und frage mich: Warum hat das Leben heute, die Kindheit unserer Kinder, eigentlich so einen schlechten Ruf?

Seit Stunden sitze ich an diesem Text. Ich schreibe und gerate immer wieder ins Stocken. Eigentlich möchte ich darüber schreiben, wie wunderbar unser Straßenfest am Wochenende war, mit alten und jungen Leuten, und überhaupt was für eine tolle Nachbarschaft wir haben. Ich möchte euch erzählen, dass unsere Kinder jede Woche durch die Wälder laufen, auf Bäume klettern, nette Lehrer*innen haben, ständig weitere Freund*innen finden, dass sie mit Kreide auf die Straße malen und nach Hause kommen, wenn die Laternen angehen. Dass sie dutzende Obst- und Gemüsesorten kennen und andere Kinder beschützen, wenn sie auf dem Schulhof geärgert werden. Dass ihre Kindheit an ganz vielen Stellen einfach ganz wunderschön ist. 

Die Geschichten von Anonymität, Einsamkeit, Verrohung, Verdummung, nein, hier sehe ich das nicht. Und ich weigere mich, dieses Narrativ „heutzutage ist doch alles schlimmer“ einfach zu übernehmen. Ich finde es schlicht unfair — uns Eltern gegenüber, die ihre Kinder doch insgesamt ganz gut gedeihen lassen. Und auch den Kindern gegenüber, die doch, wenn sie das hören, denken müssen, mit ihnen sei was verkehrt. Denn sie finden ihre Welt ja meistens ziemlich toll. Und wie ich finde völlig zu Recht: Es geht uns insgesamt ganz gut in unserem Mittelschichtsleben.

Mittelschichtsleben. Dieses Wort habe ich in diesem Text immer wieder hin und her geschoben. Ja, in unserer Neubausiedlung geht es uns (wirtschaftlich) gut. SUVs stehen in den Einfahrten, die Vorgärten sind (bis auf unseren) maximal gepflegt. Zwei Straßen weiter von uns sieht die Welt allerdings etwas anders aus: In der alten Zechensiedlung spielen die Kinder auch draußen, aber ich sehe gar keine Erwachsenen. Die Autos sind kleiner, die Hauseingänge schmutziger. Es klingt klischeehaft. Doch hier im Ruhrgebiet liegen die unterschiedlichen Welten immer noch zum Greifen nah.

Während des Schreibens frage ich mich die ganze Zeit: Macht die Tatsache, dass wir in einer Mittelschichtsblase leben, die schönen Geschichten weniger wahr? Noch weiter zugespitzt: Darf es uns überhaupt gut gehen, wenn es anderen nicht gut geht?

Puh! Das sind die großen Fragen des Miteinander-Lebens, die Antworten darauf zu finden ist ein Prozess. Und dennoch möchte ich immer noch anschreiben gegen den schlechten Ruf unseres „Heutzutages“, weil ich finde: Vieles läuft heute besser, als es die vielen düsteren Geschichten suggerieren. Viele, viele Eltern haben wirklich Bock auf Familie, sie engagieren sich sozial, pflegen auch noch ihre eigenen Eltern. Übrigens völlig unabhängig ob Mittelschicht oder nicht. Diese Geschichten brauchen auch ihren Raum.

Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass es immer noch nicht allen gut geht. Ich finde es wichtig, diese unsichtbare Wand, die die Blase von der Umgebung trennt, so oft es geht zu durchdringen. Dass wir auch die Bedürfnisse der anderen (was heißt überhaupt „die anderen“?) erkennen und ernst nehmen. Dass wir auch ihre Geschichten hören und lesen. Und auch diesen Geschichten Raum geben.

Das Schöne am Ruhrgebiet ist ja wirklich, dass es ein Leichtes sein kann, sich zu begegnen. Wir wohnen einfach alle nah beisammen. Vielleicht machen wir demnächst nicht nur ein Straßenfest, sondern laden gleich das ganze Viertel ein. Es wäre ein Anfang. Und noch eine gute Geschichte…

Mutterhirn im Mental Overload

„In unserem Alltag ist gerade einfach kein Platz für deine Bequemlichkeit!“ BÄHM! Das habe ich am Wochenende meinem Mann um die Ohren gehauen, weil mein Kopf — mal wieder — zu explodieren drohte. Mental OVERload!

Dabei ist es jetzt nicht so, als säße mein Mann den ganzen Tag auf der faulen Haut. Auch er versucht, Job und Familie anständig unter einen Hut zu bringen. Es ist auch nicht so, als täte er so gar nichts zuhause. Aber dass der Laden läuft, das ist meine Verantwortung. Und das meine ich mit Bequemlichkeit: Er kann sich rausnehmen, Dinge einfach nicht zu machen, muss nicht an Geburtstagsgeschenke, Arzttermine, Schulsachen und neue Kinderschuhe denken. Das mache nämlich alles ich. Es einfach nicht zu tun ist ja keine Option, denn die Kinder können ja nun mal nichts für unsere unterschiedliche Auffassung von Rollenaufteilung.

Dabei ist mein Mann sogar einer von diesen neuen Vätern, die tatsächlich ihrer Vaterrolle gerecht werden wollen. Die da sind und es gut finden, dass ihre Frauen genauso wichtige Termine im Job haben wie sie. Und trotzdem läuft was schief zuhause — und damit sind wir längst kein Einzelfall.

„Du hättest doch bloß fragen müssen“, diesen Titel trägt ein Comic, der im vergangenen Jahr ziemlich viral gegangen ist, denn er bringt das Problem auf den Punkt: Der Mann ist durchaus bereit, Aufgaben zu übernehmen. Aber er möchte sie zugewiesen bekommen. Damit wird die Frau zum Zuweiser und trägt die gesamte Verantwortung. Sie muss weiterhin die Fäden in der Hand behalten — von Terminen mit Freunden und Verwandten bis zu den großen Fragen der Kindererziehung.

Vor einigen Monaten hatte ich für ELTERN mal was zum Thema Feminismus aufgeschrieben. Ein Satz, der mir in meinen Recherchen immer wieder begegnete, war: „Der Mann hilft mit!“ Also beide gehen arbeiten, die Frau vielleicht ein paar Stunden weniger, und der Mann übernimmt ein paar Aufgaben zuhause. Aber er hilft halt nur. Dabei ist der Wunsch durchaus da, sich das Familienmanagement gerechter aufzuteilen. Aber wie kann das gelingen?

Patricia von Das Nuf hatte neulich einen Vortrag zum Thema Mental Load gehalten und in ihrem Blog auch Lösungswege aufgezeigt. Der erste Schritt ist, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Aufgaben zum Familienmanagement gehören. Und dann geht es ans Aufteilen. Das wiederum stellt vielleicht auch die ein oder andere Mutter vor Herausforderungen, denn es bedeutet: loslassen. Da habe ich glücklicherweise nicht so viele Probleme mit. Mir ist es wurscht, wie der Mann die Wäsche faltet — Hauptsache sie liegt am Ende des Tages im Schrank.

Das Thema Mental Load geht allerdings weit über die Aspekte partnerschaftliche Rollenverteilung hinaus. Es sind vor allem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und unsere Kultur, die aus uns die Familienmanagerinnen machen. Mareice Kaiser hat neulich ein paar sehr kluge Dinge dazu aufgeschrieben und ganz konkret formuliert, was sich alles ändern muss, damit wir Eltern (denn ja, ich glaube durchaus, dass auch die Väter Stress haben) mal ein bisschen Druck vom Kessel bekommen.

Übrigens hatte ich erwartet, dass mein Mann empört über meinen Bequemlichkeitsspruch sein wird. War er aber gar nicht, er war erstaunlich still und sagte dann: „Du hast Recht!“ Wir beide arbeiten daran, dass wir raus aus dieser Rollenverteilungs-Mental-Overload-Schleife kommen. Ist gar nicht so leicht, schließlich haben wir da Jahrhunderte alte Rollenvorstellungen im Gepäck. Aber ich bin guter Dinge, dass wir das schaffen noch bevor die Kinder alle erwachsen sind.

Von Kindern, die niemals schlafen

Diesen Text schreibe ich um 22.25 Uhr. Ich sage das lieber vorab, wer weiß, was hier gleich noch so alles stehen wird. Denn in diesem Text geht es um Nagellack und die großen Herausforderungen des Elternseins.

Statt zu schreiben hätte ich jetzt lieber in Ruhe vor dem Fernseher gesessen und mir die Fingernägel lackiert. Das klingt profan, oberflächlich vielleicht, aber tatsächlich spiegelt sich in meinen schrabbeligen Nägeln gerade der ganze Frust des täglichen Tuns wider.

Denn fürs Lackieren brauche ich mindestens fünf, besser noch zehn Minuten absolute Ruhe. Nicht unbedingt akustische Ruhe, aber zumindest die Gewissheit, in den nächsten Minuten niemandem die Schuhe zubinden zu müssen, kein Kaugummi aus den Haaren zu friemeln, keine Farbreste aus dem Teppichboden zu rubbeln und kein Kleinkind vom Esstisch zu klauben. Es ist 22.25 Uhr und noch immer habe ich keine Zehn-Minuten-Ruhe-Garantie.

Tagsüber ist ohnehin für nichts Zeit. Deswegen sage ich jeden Tag aufs Neue zu mir: Wenn die Kinder im Bett sind, dann mache ich endlich…mir die Fingernägel. Zum Beispiel. Und dann sitzen da drei Teufelskinder auf der Schulter und machen laut Muhahahaha.

Es ist völlig egal, wie gut organisiert wir sind, ob wir rechtzeitig Abend essen und die Betten fertig gemacht haben. Es spielt auch keine Rolle, wie der Tag oder die Woche waren, ob viel los war oder wenig. Übrigens auch nicht der Fernsehkonsum – auch wenn das Bild anderes vermuten lässt, tatsächlich bleibt bei uns der Fernseher an vielen Tagen und Abenden aus. Es ändert nichts:  Sobald die abendliche Rushhour mit Abendessen, Zähneputzen und Vorlesen begonnen hat, wird irgendeines der drei Kinder plötzlich Durst, Bauchweh, Entdeckungsdrang, einen Lachkrampf, Tollwut, Weltschmerz, ein „Tanzgefühl“, Hysterie oder einfach temporär den Drang zur Revolution haben.

Ich weiß nicht mehr, wann die Kinder mal alle vor 20 Uhr geschlafen und die folgenden Stunden auch durchgeschlafen haben. Manchmal sind sie besonders fies. Dann ist um 20.30 Uhr tatsächlich Ruhe im Karton, nur damit Kind3 um 21 Uhr „Mamaaaaa!“ brüllen kann.

Dann denke ich, wenn alle unsere Kinder regelmäßig vor 22 Uhr schlafen würden, wäre das Leben schon viel einfacher. Dann hätten wir bestimmt immer ein top aufgeräumtes Haus, immer sorgfältig zusammengelegte Wäsche und alle Schul- und Kindergartentaschen wären gepackt. Ich hätte längst promoviert oder zumindest mal ein Buch gelesen. Oder aber ich wäre einfach genauso k.o., weil das Leben mit Kindern wunderbar und trotzdem immer wieder anstrengend ist. Aber vielleicht, ganz vielleicht hätte ich zumindest vernünftig lackierte Fingernägel.

Ferien zuhause: Bergfest der Langeweile

Seit dreieinhalb Wochen hat die Große Ferien, seit eineinhalb Wochen haben auch die beiden jüngeren Schwestern Ferien. Weitere eineinhalb Wochen Gemeinsamkeit liegen vor uns. Bergfest der Langeweile.

Neulich hatte ich mich ja gefragt, warum es für viele Leute inzwischen selbstverständlich ist, jede Ferien für einen ausgiebigen Familienurlaub zu nutzen. Kurz vor Schuljahresende lautete stets die Frage: „Und, wohin fahrt ihr?“ Und nicht, wie es mir vielleicht vertrauter wäre: „Und, fahrt ihr weg?“

Nach rund 260 gemeinsamen Stunden mit drei Kindern und ohne spektakuläre Bergwanderungen, Pool-Animation und Kinderferienprogramm bekomme ich so eine Ahnung, warum die Leute in den Ferien unbedingt verreisen müssen. Vielleicht wollen sie ja so verrückte Dinge tun wie schlafen oder Zeitung lesen.

Wir haben uns in diesem Sommer ganz bewusst gegen einen Urlaub entschieden. Vor allem wegen des Geldes. Aber auch, weil ich nach dem ganzen Umzugsstress in diesem Jahr den Kindern und mir nicht schon wieder das Taschenpacken zumuten wollte. Ich wollte, dass wir ankommen in unserem neuen Zuhause.

Kinder brauchen Entschleunigung und Langeweile, um sich entfalten zu können, gerade in den Ferien. Das lese ich immer wieder und ja, davon bin ich auch überzeugt. Denke ich darüber nach, habe ich meine Töchter vor Augen, wie sie versunken im Garten sitzen und Ameisen beobachten, Sandburgen bauen und Blumenkränze flechten. Und dann kommt die Wirklichkeit: Anschreien, Haare ziehen, Türen knallen — die Blutgrätsche fürs Bullerbü-Idyll.

In den ersten gemeinsamen Ferientagen musste ich immer wieder über diese Kita-Frei-Bewegung sinnieren. Wie machen die das nur? Also ich finde Einkauf, Hundegang und Texte schreiben mit drei Kindern um mich herum unfassbar anstrengend. Allerdings ist die gemeinsame Zeit bei uns ja auch die Ausnahme. Ich denke, wir müssen uns tatsächlich erst wieder aneinander gewöhnen.

Nach den ersten vier, fünf Tagen langweiliges Aufeinanderhocken haben wir uns eingegroovt: Die Große geht morgens mit dem Hund, die Mittlere bleibt mittags ruhig, damit die Kleine schlafen kann und abends springen wir noch mal schnell ins Freibad nebenan. Dazwischen natürlich immer wieder streit. Aber auch bei uns gibt gibt es sogar bisschen Bullerbü — allerdings sind es mehr Momente, als ganze Tage.

Dann verziert die Mittlere völlig versunken die Außenwände mit Kreide und mahlt Kaffeebohnen in der Mühle. Die Große sitzt im Hängesack und liest in ihrem Buch aus der Leihbücherei und die Kleine schaufelt Sand in die Förmchen. Diese Momente ohne Streit verschaffen auch mir eine kleine Verschnaufpause. Dann mache ich mir einen Kaffee, nehme mir noch mal die Zeitung, setze mich auf die Terrasse und stelle fest, dass der Hund gerade in den Garten kackt…