Das Dritte-Kind-Syndrom: Danke, du Arsch!

Die Lieblingssätze der Zweijährigen zeichnen sich aktuell vor allem dadurch aus, dass sie mindestens ein Schimpfwort enthalten. „Danke, du Arsch!“, ist ganz vorne mit dabei, gefolgt von „Ja, du alte Fleischwurst!“. Das ist natürlich schon sehr witzig und offenbart etwas, das ich jetzt mal das Dritte-Kind-Syndrom nenne.

Anzeichen sind Bedarfstaubheit bei etwaiger inadäquater Wortwahl im Kindersprech, temporäre Lähmungserscheinungen, etwa wenn die Zweijährige das Müsli auf Tisch und Boden schüttet (und ich weiß, dass ich es erst zu ihr schaffe, wenn ohnehin die gesamte Packung ausgeschüttet ist) und überhaupt eine gewisse Gleichgültigkeit für vermeintliche Erziehungsfehler.

Tatsächlich hat sich bei uns mit Kind 3 noch mal einiges gedreht. Zum einen trägt ihr Temperament schon viel dazu bei, dass es hier manchmal drunter und drüber geht. Zum anderen — und vermutlich das ist der wohl entscheidendere Faktor — hat sich unsere Einstellung zu vielen Dingen geändert.

Die meisten Kämpfe fechte ich einfach nicht mehr aus. Oftmals fehlt mir schlicht die Kraft und ich weiß vorher schon, dass diese Nummer nicht gut für mich ausgehen würde (was folgt noch mal auf 3, wenn ich sage ich zähle bis…ach, lassen wir das). Aber wenn wir ehrlich sind, können wir auch auf viele dieser kleinen Alltagskämpfe verzichten. Um wieder die aktive Rolle zu übernehmen, habe ich mich jedenfalls in vielen Situationen AKTIV dazu ENTSCHIEDEN, nichts mehr zu tun.

Dass die Zweijährige gerade zum Beispiel keine Schuhe tragen will, finde ich in den allermeisten Fällen gar nicht schlimm. Läuft sie halt barfuß durch den Wald. Dass sie auch sonst gerne wenig Kleidung trägt, finde ich auch nicht tragisch. Im März ist sie ohne Hose am Nordseestrand entlang gelaufen, und war eines der wenigen Kinder, die während der Mutter-Kind-Kur überhaupt nicht krank geworden sind.

Manchmal behelfe ich mir auch, zum Beispiel ziehe ich die Kleidung für den nächsten Tag schon am Abend an. Dadurch habe ich weniger Wäsche, weil keine Schlafanzüge, und weniger Stress, weil keinen Anziehkampf am Morgen.

Dann gibt es natürlich auch Situationen, in denen es keine Kompromisse gibt und ich konsequent bleibe. Im Straßenverkehr zum Beispiel muss ein „Stopp!“ ein Stopp sein. Und wenn die Zweijährige im Auto stehend auf der Rückbank mitfahren will, fährt das Auto eben nicht weiter. Das ist nervig, klar. Und langweilig — für uns beide.

Und wie ist das jetzt mit dem „Danke, du Arsch!“? Nun, die größte Herausforderung in diesen Situationen ist, nicht zu lachen. Ganz ehrlich: Ich finde das nicht so furchtbar schlimm. Meine Erfahrung lehrt mich, dass Sätze wie „das ist ein blödes Wort!“ oder „das will ich nicht hören!“ bei Kindern von zweieinhalb Jahren die Freude am Sagen nur verstärken. Also sende ich nach außen größtmögliche Ignoranz und bewahre mir das Lachen dann für später auf. 

Natürlich raubt mir diese Zweieinhalbjährige manchmal den letzten Nerv, aber das ist eben auch das Schöne am dritten Kind: Du weißt, auch diese Phase geht irgendwann vorbei (und eine andere kommt, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte).

Ja, manchmal scheitere ich! Über Vorstellung und Wirklichkeit von Vereinbarkeit

Diesen Text habe ich am 4. Januar angefangen. Ich wollte ihn zu Ende schreiben, wenn ich das letzte Interview abgetippt, die Wäsche aufgehängt, den Text an die Redaktion geschickt, die Kinder abgeholt, den Hund ausgeführt, die Rechnung bezahlt, viel mehr Geld verdient, die Zettel für Elternsprechtag und Schüleraustausch ausgefüllt und den Emaileingang abgearbeitet habe.

Hat nicht geklappt. Kam was dazwischen. Mehr Wäsche zum Beispiel. Und Kinder. Und Arbeit. Nur noch das Interview abschicken. Nur noch die eine Dienstreise. Zwischendurch hatte ich mal den hehren Plan, diesen Text hier morgens vor der Arbeit zu schreiben. Hat aber leider nicht gepasst zwischen meinem morgendlichen Yogaübungen und Waldläufen, ehe ich den Tag mit einem gesunden und ausgiebigen Frühstück beginne.

Ach so, Yogaübungen und Waldläufe habe ich morgens auch nicht geschafft. Das Frühstück meistens auch nicht. Ich lese ständig Artikel über besseres Zeitmanagement und wie wichtig gute Morgenroutinen sind und ich stelle fest: Ich bin schon am Morgen ein Versager. Ich kann leider nicht um 5.30 Uhr meine Sporteinheit einplanen. Ich habe vorher auch nicht mindestens acht Stunden am Stück geschlafen. Guess why.

Wo ist sie geblieben, die Zuversicht? 

Eigentlich wollte ich einen Text darüber schreiben, dass ich etwas verloren habe. Etwas, dass mich lange begleitet hat, mir aber irgendwann in den vergangenen Monaten oder Jahren abhanden gekommen sein muss. Es ist dieses „Passt-Schon“-Gefühl. Diese Zuversicht, dass alles klappen wird. Die Leichtigkeit des Seins.

Ich wollte darüber schreiben, dass ich mich frage, wo dieses Gefühl wohl geblieben sein muss. Vielleicht ist es zwischen Kind 2 und 3 auf der Strecke geblieben? Oder ist das vielleicht auch einfach so, dass sich das Leben mit 33 so erwachsen anfühlen muss? Dass das „Passt-Schon-Gefühl“ zwangsläufig dem „Wie-zum-Henker-soll-das-alles-klappen-Gefühl“ weichen muss? 

Jetzt, wo ich diese Zeilen hier lese, habe ich eher die Vermutung, dass es vielleicht unter einem Riesenhaufen Wäsche vergraben ist. Das wiederum würde bedeuten, ich hätte diese Leichtigkeit gar nicht verloren — eben nur verlegt.

Eigentlich wundert es mich gar nicht, dass ich mich so fühle, denn wir sind hier gerade so richtig in der Rushhour des Lebens; das volle Programm mit Haus, kleinen Kindern und eine berufliche Phase, in der Weichen gestellt werden wollen. Wieso glaube ich und glauben andere, da könnte man so ganz entspannt durchspazieren oder gar joggen?

Ein Kraftakt für alle

Die Vereinbarkeit der vielen Lebensbereiche ist ein Kraftakt, der alle in unserem Umfeld fordert (nur als Beispiel: Damit ich gestern eine Schulung in Köln besuchen konnte, brauchte ich zwei Omas, eine Schwester und eine Nichte plus eine Ganztagskita). Und am Ende bleibt trotzdem oft das Gefühl, nicht genug zu sein. Nicht genug Mama, nicht genug Ehefrau, Journalistin, nicht genug Freundin, nicht genug Tochter, Schwester, Bloggerin und vor allem nicht genug ich.

Jetzt könnte ich natürlich sagen: Mensch, warum hast du auch so hohe Ansprüche an dich selbst?! Aber das wäre zu billig. Es ließe mich und auch die vielen anderen Eltern, die gerade in dieser Troubleshooting-Lebensphase sind, mit diesem Gefühl zurück, selbst schuld zu sein. Dabei gibt es Rahmenbedingungen und gesellschaftliche (Rollen-) Erwartungen, die uns das Leben ganz schön schwer machen.

Neulich sagte mir meine Freundin, dass bei uns immer alles so easy wirke. Dabei will ich gar nicht mitmachen bei dieser Competition, wer hier die entspannteste Mutter ist. Bei uns ist vieles nicht easy und auch wir kommen hier zuweilen an unsere Grenzen. Das ist mühsam. Und trotzdem würde ich mich immer wieder fürs Kinderkriegen entscheiden.

Mehr Transparenz, bitte! 

Die Vereinbarkeit ist eine fucking Herausforderung — die ich manchmal meistere, und manchmal nicht. Dann rufe ich nicht zurück, dann vergesse ich die Zettel für die Schule, dann kriege ich die zweite Mahnung und dann brauche ich fünf Monate um einen Text zu schreiben. Das ist dann blöd. Aber so ist es eben.

Dass es diese vielen Vereinbarkeitsprobleme gibt, kann ich nicht ändern. Aber ich halte es für wichtig, dass wir sie transparent machen. Nicht nur unter uns Eltern, sondern es am liebsten in die weite (Arbeits)welt hinausschreien. Einfach damit sichtbar wird, was es bedeutet diese vielen Bälle zu jonglieren, auch um unseren Teil zum gesellschaftlichen Leben beizutragen. Denn so viel ist mir durchaus klar: Eine größere Waschmaschine ist sicher keine Lösung. 

Als ich meine Lehrer grillte – digitale Kindheit früher und heute

Neulich fragte mich eine Freundin meiner großen Tochter nach unserem WLan-Passwort. „Warum?“, fragte ich zurück. „Weil ich mein Tablet mitgebracht habe“, sagte sie und ich fragte wieder: „Warum hast du dein Tablet mitgebracht?“ Die Antwort war simpel: „Weil ich mein Smartphone nicht gefunden habe.“ Ja, so kann der Spielbesuch in der vierten Klasse schon mal ablaufen.

Wer jetzt glaubt, es folgt eine Tirade über die furchtbar schreckliche Digitalisierung und die verkorksten Kinder und Jugendlichen, die nur auf ihre Handys starren und es damit ihren so handysüchtigen Rabenmüttern gleich tun, also wer hofft, darüber werde ich mich jetzt mal so richtig echauffieren, den muss ich leider enttäuschen. Denn irgendwie will ich nicht mit einstimmen in den Abgesang der digitalisierten Jugend.

Am Wochenende lauschte ich bei einer Veranstaltung den Worten Katja Seides, die etwas zum Thema Digitale Familie erzählte. So manch Zuhörerin rieb sich die Ohren. Hatte sie sich gerade verhört oder sagt die Frau mit dem Mikrofon tatsächlich, dass Mediennutzung an sich erst einmal gar nicht blöd machen muss. Verrückter Weise könnte sogar das Gegenteil der Fall sein, dass Kinder und Jugendliche nämlich mit Begeisterung Dinge am Bildschirm lernen. Schleim zu produzieren, zum Beispiel.

Pinterest, ein magischer Ort

Während die Bestseller-Autorin das erzählte, stieg mir wieder der Duft in die Nase, der zwei Stunden zuvor noch unsere Küche eingehüllt hatte. Die Neunjährige war gerade dabei gewesen, Maoams im Ofen schmelzen zu lassen (leider etwas zu lange), um essbare Knete herzustellen. Es war der sechste Versuch in dieser Woche, etwas Knetbares zu produzieren — alle Infos dazu hatte sie bei Pinterest gefunden. Die Große malt, bastelt, sammelt, baut, modelliert und experimentiert was das Zeug hält. Pinterest ist für sie mit ihrer Krämerseele ein magischer Ort, eine unendliche Geschichte. Inzwischen hat sie sich auch im Programmieren geübt, ebenfalls eine Disziplin für Tüftlerinnen wie sie. 

Ich halte Mediennutzung also nicht per se für schlecht. Manchmal ist sie gut, wenn die Große Knete produzieren oder Baumhäuser bauen möchte. Oder wenn ich einfach mal in Ruhe kochen will. Dann freue ich mich über den Netflix-Account und darüber, dass alle drei Kinder eine halbe Stunde lang Ruhe geben. Am liebsten schauen sie gerade übrigens Die Pfefferkörner. Eine Sendung, die ich als Kind nie geguckt hätte.

Selektive Programmgestaltung

Das ist nämlich auch noch so eine Sache: Seit wir nicht mehr auf das lineare Fernsehen angewiesen sind und die Programmauswahl deutlich selektiver gestalten können, sehen die Kinder nur die Inhalte, die sie auch sehen wollen — und von denen wir wollen, dass sie sie sehen. Das hat auch zur Folge, dass die Mädchen mit uns liebend gerne Fußball schauen, weil in der Halbzeit immer Werbung kommt. Dass dort vorrangig Bier, Sportwetten und Kreditkarten beworben werden, ist ihnen egal. Dieses ihnen sonst so unbekannte Konzept der Werbeunterbrechung scheint sie zu faszinieren.

Wenn ich mir die Mediennutzung unserer Töchter anschaue, dann steht sie doch im starken Kontrast zu meiner als ich in ihrem Alter war. Ein größeres Angebot muss nämlich nicht analog zu höherem Konsum stehen. Ich habe damals geguckt, was im Fernsehen lief, übrigens durchgehend vom Nachmittag bis zum Abendessen und an den Wochenenden vom Aufstehen bis zum Mittagessen. Und dann war da nichts mit Pfefferkörner, ich habe Roseanne geliebt und die Bill Cosby Show, Hart aber herzlich und Thunder in Paradise geguckt. Die Simpsons natürlich ununterbrochen und früher, als ich noch viel kleiner war, Tom und Jerry. Das fand ich nie toll, aber es war halt da.

Meine Mutter hatte sich darüber weniger Gedanken gemacht, obwohl ich trotzdem sagen würde, behütet aufgewachsen zu sein. Sie war für dieses Thema einfach nicht so sensibilisiert. Als ich mal an einer Umfrage teilnahm und als Lieblingsfilm Pulp Fiction angab (da war ich gerade 12), hat sie erst aus der Reaktion meines Gegenübers schließen können, dass das nicht die beste Antwort gewesen war. Sie hatte schlicht keine Ahnung, was ich mit meinen Geschwistern so im Fernsehen geguckt hatte. Und das, obwohl wir nur einen Fernseher im Wohnzimmer hatten.

„Teacher Buster“ am C64

Und wir besaßen einen C64, zudem auch das Spiele wie „Teacher Buster“ gehörten. So konnte ich meine potenziellen Lehrer schon mit einem Flammenwerfer malträtieren, ehe ich überhaupt in die Grundschule ging. Dass meine Töchter heute so ein Spiel spielen, ist für mich unvorstellbar. Selbst die Große hat bislang Filme wie Harry Potter TEIL 1 vor lauter Grusel ausmachen müssen, der Fünfjährigen sind zuweilen schon die Schlümpfe zu spannend.

Ich glaube, viele Eltern sind heute kritischer und reflektierter in Sachen Mediennutzung, als es die Elterngenerationen vorher je waren. Und durchaus restriktiver: Unsere Töchter zum Bespiel schauen deutlich weniger fern als ich früher. Ich wollte auch nie, dass das Fernsehen in unserem Alltag ritualisiert und institutionalisiert wird. Daher gibt es bei uns zum Beispiel kein tägliches Sandmännchen-Gucken vor dem Schlafengehen. Ohnehin ist der Fernseher längst nicht täglich an. Ein Smartphone haben die Mädchen auch nicht. Aber bei uns gibt es auch keine künstlichen Zeitvorgaben wie eine halbe Stunde Medienzeit, weil Folgen eben auch mal 20 oder 40 Minuten dauern und das Basteltutorial so schnell vielleicht nicht zu Ende ist.

Ich finde es wichtig, sich etwaiger Gefahren der digitalisierten Welt bewusst zu sein und die Kinder gut zu begleiten. Ich glaube auch, dass exzessiver Medienkonsum nicht gut ist. Nichts ist wohl wirklich gut, wenn es exzessiv betrieben wird. Ich bin mir sicher, dass Kinder raus in die Natur müssen, dass sie sich in Dingen verlieren können sollten, dass sie Langeweile erleben und aushalten müssen. Und dass ihnen etwas fehlt, wenn sie all das nicht erleben. Aber meine Töchter werden sicher keine schlechten Menschen, weil sie auf Pinterest nach Knete-Rezepten suchen. Auch wenn ich das WLan-Passwort so schnell dann doch nicht rausrücke…

Gedanken aus der Mittelschichtsblase und was mich wirklich am „Heutzutage“ stört

Manchmal frage ich mich, was nicht stimmt an unserem Leben. Es scheint sich so wenig mit dem zu decken, was an düsteren Geschichten über unser „Heutzutage“ an Esstischen, in Kneipen, auf Elternabenden und ja, auch in den Medien erzählt wird. Zum Beispiel über das Miteinander-Leben: Anonym sei es geworden, niemand interessiere sich mehr für den anderen. Alte Leute lebten einsam in ihren Wohnungen, Kinder spielten nicht mehr auf der Straße. Ich höre und lese das und frage mich: Warum hat das Leben heute, die Kindheit unserer Kinder, eigentlich so einen schlechten Ruf?

Seit Stunden sitze ich an diesem Text. Ich schreibe und gerate immer wieder ins Stocken. Eigentlich möchte ich darüber schreiben, wie wunderbar unser Straßenfest am Wochenende war, mit alten und jungen Leuten, und überhaupt was für eine tolle Nachbarschaft wir haben. Ich möchte euch erzählen, dass unsere Kinder jede Woche durch die Wälder laufen, auf Bäume klettern, nette Lehrer*innen haben, ständig weitere Freund*innen finden, dass sie mit Kreide auf die Straße malen und nach Hause kommen, wenn die Laternen angehen. Dass sie dutzende Obst- und Gemüsesorten kennen und andere Kinder beschützen, wenn sie auf dem Schulhof geärgert werden. Dass ihre Kindheit an ganz vielen Stellen einfach ganz wunderschön ist. 

Die Geschichten von Anonymität, Einsamkeit, Verrohung, Verdummung, nein, hier sehe ich das nicht. Und ich weigere mich, dieses Narrativ „heutzutage ist doch alles schlimmer“ einfach zu übernehmen. Ich finde es schlicht unfair — uns Eltern gegenüber, die ihre Kinder doch insgesamt ganz gut gedeihen lassen. Und auch den Kindern gegenüber, die doch, wenn sie das hören, denken müssen, mit ihnen sei was verkehrt. Denn sie finden ihre Welt ja meistens ziemlich toll. Und wie ich finde völlig zu Recht: Es geht uns insgesamt ganz gut in unserem Mittelschichtsleben.

Mittelschichtsleben. Dieses Wort habe ich in diesem Text immer wieder hin und her geschoben. Ja, in unserer Neubausiedlung geht es uns (wirtschaftlich) gut. SUVs stehen in den Einfahrten, die Vorgärten sind (bis auf unseren) maximal gepflegt. Zwei Straßen weiter von uns sieht die Welt allerdings etwas anders aus: In der alten Zechensiedlung spielen die Kinder auch draußen, aber ich sehe gar keine Erwachsenen. Die Autos sind kleiner, die Hauseingänge schmutziger. Es klingt klischeehaft. Doch hier im Ruhrgebiet liegen die unterschiedlichen Welten immer noch zum Greifen nah.

Während des Schreibens frage ich mich die ganze Zeit: Macht die Tatsache, dass wir in einer Mittelschichtsblase leben, die schönen Geschichten weniger wahr? Noch weiter zugespitzt: Darf es uns überhaupt gut gehen, wenn es anderen nicht gut geht?

Puh! Das sind die großen Fragen des Miteinander-Lebens, die Antworten darauf zu finden ist ein Prozess. Und dennoch möchte ich immer noch anschreiben gegen den schlechten Ruf unseres „Heutzutages“, weil ich finde: Vieles läuft heute besser, als es die vielen düsteren Geschichten suggerieren. Viele, viele Eltern haben wirklich Bock auf Familie, sie engagieren sich sozial, pflegen auch noch ihre eigenen Eltern. Übrigens völlig unabhängig ob Mittelschicht oder nicht. Diese Geschichten brauchen auch ihren Raum.

Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass es immer noch nicht allen gut geht. Ich finde es wichtig, diese unsichtbare Wand, die die Blase von der Umgebung trennt, so oft es geht zu durchdringen. Dass wir auch die Bedürfnisse der anderen (was heißt überhaupt „die anderen“?) erkennen und ernst nehmen. Dass wir auch ihre Geschichten hören und lesen. Und auch diesen Geschichten Raum geben.

Das Schöne am Ruhrgebiet ist ja wirklich, dass es ein Leichtes sein kann, sich zu begegnen. Wir wohnen einfach alle nah beisammen. Vielleicht machen wir demnächst nicht nur ein Straßenfest, sondern laden gleich das ganze Viertel ein. Es wäre ein Anfang. Und noch eine gute Geschichte…

Mutterhirn im Mental Overload

„In unserem Alltag ist gerade einfach kein Platz für deine Bequemlichkeit!“ BÄHM! Das habe ich am Wochenende meinem Mann um die Ohren gehauen, weil mein Kopf — mal wieder — zu explodieren drohte. Mental OVERload!

Dabei ist es jetzt nicht so, als säße mein Mann den ganzen Tag auf der faulen Haut. Auch er versucht, Job und Familie anständig unter einen Hut zu bringen. Es ist auch nicht so, als täte er so gar nichts zuhause. Aber dass der Laden läuft, das ist meine Verantwortung. Und das meine ich mit Bequemlichkeit: Er kann sich rausnehmen, Dinge einfach nicht zu machen, muss nicht an Geburtstagsgeschenke, Arzttermine, Schulsachen und neue Kinderschuhe denken. Das mache nämlich alles ich. Es einfach nicht zu tun ist ja keine Option, denn die Kinder können ja nun mal nichts für unsere unterschiedliche Auffassung von Rollenaufteilung.

Dabei ist mein Mann sogar einer von diesen neuen Vätern, die tatsächlich ihrer Vaterrolle gerecht werden wollen. Die da sind und es gut finden, dass ihre Frauen genauso wichtige Termine im Job haben wie sie. Und trotzdem läuft was schief zuhause — und damit sind wir längst kein Einzelfall.

„Du hättest doch bloß fragen müssen“, diesen Titel trägt ein Comic, der im vergangenen Jahr ziemlich viral gegangen ist, denn er bringt das Problem auf den Punkt: Der Mann ist durchaus bereit, Aufgaben zu übernehmen. Aber er möchte sie zugewiesen bekommen. Damit wird die Frau zum Zuweiser und trägt die gesamte Verantwortung. Sie muss weiterhin die Fäden in der Hand behalten — von Terminen mit Freunden und Verwandten bis zu den großen Fragen der Kindererziehung.

Vor einigen Monaten hatte ich für ELTERN mal was zum Thema Feminismus aufgeschrieben. Ein Satz, der mir in meinen Recherchen immer wieder begegnete, war: „Der Mann hilft mit!“ Also beide gehen arbeiten, die Frau vielleicht ein paar Stunden weniger, und der Mann übernimmt ein paar Aufgaben zuhause. Aber er hilft halt nur. Dabei ist der Wunsch durchaus da, sich das Familienmanagement gerechter aufzuteilen. Aber wie kann das gelingen?

Patricia von Das Nuf hatte neulich einen Vortrag zum Thema Mental Load gehalten und in ihrem Blog auch Lösungswege aufgezeigt. Der erste Schritt ist, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Aufgaben zum Familienmanagement gehören. Und dann geht es ans Aufteilen. Das wiederum stellt vielleicht auch die ein oder andere Mutter vor Herausforderungen, denn es bedeutet: loslassen. Da habe ich glücklicherweise nicht so viele Probleme mit. Mir ist es wurscht, wie der Mann die Wäsche faltet — Hauptsache sie liegt am Ende des Tages im Schrank.

Das Thema Mental Load geht allerdings weit über die Aspekte partnerschaftliche Rollenverteilung hinaus. Es sind vor allem die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und unsere Kultur, die aus uns die Familienmanagerinnen machen. Mareice Kaiser hat neulich ein paar sehr kluge Dinge dazu aufgeschrieben und ganz konkret formuliert, was sich alles ändern muss, damit wir Eltern (denn ja, ich glaube durchaus, dass auch die Väter Stress haben) mal ein bisschen Druck vom Kessel bekommen.

Übrigens hatte ich erwartet, dass mein Mann empört über meinen Bequemlichkeitsspruch sein wird. War er aber gar nicht, er war erstaunlich still und sagte dann: „Du hast Recht!“ Wir beide arbeiten daran, dass wir raus aus dieser Rollenverteilungs-Mental-Overload-Schleife kommen. Ist gar nicht so leicht, schließlich haben wir da Jahrhunderte alte Rollenvorstellungen im Gepäck. Aber ich bin guter Dinge, dass wir das schaffen noch bevor die Kinder alle erwachsen sind.

Von Kindern, die niemals schlafen

Diesen Text schreibe ich um 22.25 Uhr. Ich sage das lieber vorab, wer weiß, was hier gleich noch so alles stehen wird. Denn in diesem Text geht es um Nagellack und die großen Herausforderungen des Elternseins.

Statt zu schreiben hätte ich jetzt lieber in Ruhe vor dem Fernseher gesessen und mir die Fingernägel lackiert. Das klingt profan, oberflächlich vielleicht, aber tatsächlich spiegelt sich in meinen schrabbeligen Nägeln gerade der ganze Frust des täglichen Tuns wider.

Denn fürs Lackieren brauche ich mindestens fünf, besser noch zehn Minuten absolute Ruhe. Nicht unbedingt akustische Ruhe, aber zumindest die Gewissheit, in den nächsten Minuten niemandem die Schuhe zubinden zu müssen, kein Kaugummi aus den Haaren zu friemeln, keine Farbreste aus dem Teppichboden zu rubbeln und kein Kleinkind vom Esstisch zu klauben. Es ist 22.25 Uhr und noch immer habe ich keine Zehn-Minuten-Ruhe-Garantie.

Tagsüber ist ohnehin für nichts Zeit. Deswegen sage ich jeden Tag aufs Neue zu mir: Wenn die Kinder im Bett sind, dann mache ich endlich…mir die Fingernägel. Zum Beispiel. Und dann sitzen da drei Teufelskinder auf der Schulter und machen laut Muhahahaha.

Es ist völlig egal, wie gut organisiert wir sind, ob wir rechtzeitig Abend essen und die Betten fertig gemacht haben. Es spielt auch keine Rolle, wie der Tag oder die Woche waren, ob viel los war oder wenig. Übrigens auch nicht der Fernsehkonsum – auch wenn das Bild anderes vermuten lässt, tatsächlich bleibt bei uns der Fernseher an vielen Tagen und Abenden aus. Es ändert nichts:  Sobald die abendliche Rushhour mit Abendessen, Zähneputzen und Vorlesen begonnen hat, wird irgendeines der drei Kinder plötzlich Durst, Bauchweh, Entdeckungsdrang, einen Lachkrampf, Tollwut, Weltschmerz, ein „Tanzgefühl“, Hysterie oder einfach temporär den Drang zur Revolution haben.

Ich weiß nicht mehr, wann die Kinder mal alle vor 20 Uhr geschlafen und die folgenden Stunden auch durchgeschlafen haben. Manchmal sind sie besonders fies. Dann ist um 20.30 Uhr tatsächlich Ruhe im Karton, nur damit Kind3 um 21 Uhr „Mamaaaaa!“ brüllen kann.

Dann denke ich, wenn alle unsere Kinder regelmäßig vor 22 Uhr schlafen würden, wäre das Leben schon viel einfacher. Dann hätten wir bestimmt immer ein top aufgeräumtes Haus, immer sorgfältig zusammengelegte Wäsche und alle Schul- und Kindergartentaschen wären gepackt. Ich hätte längst promoviert oder zumindest mal ein Buch gelesen. Oder aber ich wäre einfach genauso k.o., weil das Leben mit Kindern wunderbar und trotzdem immer wieder anstrengend ist. Aber vielleicht, ganz vielleicht hätte ich zumindest vernünftig lackierte Fingernägel.

Ferien zuhause: Bergfest der Langeweile

Seit dreieinhalb Wochen hat die Große Ferien, seit eineinhalb Wochen haben auch die beiden jüngeren Schwestern Ferien. Weitere eineinhalb Wochen Gemeinsamkeit liegen vor uns. Bergfest der Langeweile.

Neulich hatte ich mich ja gefragt, warum es für viele Leute inzwischen selbstverständlich ist, jede Ferien für einen ausgiebigen Familienurlaub zu nutzen. Kurz vor Schuljahresende lautete stets die Frage: „Und, wohin fahrt ihr?“ Und nicht, wie es mir vielleicht vertrauter wäre: „Und, fahrt ihr weg?“

Nach rund 260 gemeinsamen Stunden mit drei Kindern und ohne spektakuläre Bergwanderungen, Pool-Animation und Kinderferienprogramm bekomme ich so eine Ahnung, warum die Leute in den Ferien unbedingt verreisen müssen. Vielleicht wollen sie ja so verrückte Dinge tun wie schlafen oder Zeitung lesen.

Wir haben uns in diesem Sommer ganz bewusst gegen einen Urlaub entschieden. Vor allem wegen des Geldes. Aber auch, weil ich nach dem ganzen Umzugsstress in diesem Jahr den Kindern und mir nicht schon wieder das Taschenpacken zumuten wollte. Ich wollte, dass wir ankommen in unserem neuen Zuhause.

Kinder brauchen Entschleunigung und Langeweile, um sich entfalten zu können, gerade in den Ferien. Das lese ich immer wieder und ja, davon bin ich auch überzeugt. Denke ich darüber nach, habe ich meine Töchter vor Augen, wie sie versunken im Garten sitzen und Ameisen beobachten, Sandburgen bauen und Blumenkränze flechten. Und dann kommt die Wirklichkeit: Anschreien, Haare ziehen, Türen knallen — die Blutgrätsche fürs Bullerbü-Idyll.

In den ersten gemeinsamen Ferientagen musste ich immer wieder über diese Kita-Frei-Bewegung sinnieren. Wie machen die das nur? Also ich finde Einkauf, Hundegang und Texte schreiben mit drei Kindern um mich herum unfassbar anstrengend. Allerdings ist die gemeinsame Zeit bei uns ja auch die Ausnahme. Ich denke, wir müssen uns tatsächlich erst wieder aneinander gewöhnen.

Nach den ersten vier, fünf Tagen langweiliges Aufeinanderhocken haben wir uns eingegroovt: Die Große geht morgens mit dem Hund, die Mittlere bleibt mittags ruhig, damit die Kleine schlafen kann und abends springen wir noch mal schnell ins Freibad nebenan. Dazwischen natürlich immer wieder streit. Aber auch bei uns gibt gibt es sogar bisschen Bullerbü — allerdings sind es mehr Momente, als ganze Tage.

Dann verziert die Mittlere völlig versunken die Außenwände mit Kreide und mahlt Kaffeebohnen in der Mühle. Die Große sitzt im Hängesack und liest in ihrem Buch aus der Leihbücherei und die Kleine schaufelt Sand in die Förmchen. Diese Momente ohne Streit verschaffen auch mir eine kleine Verschnaufpause. Dann mache ich mir einen Kaffee, nehme mir noch mal die Zeitung, setze mich auf die Terrasse und stelle fest, dass der Hund gerade in den Garten kackt…

Kita, Schule und Co.: Wie viel Schenkerei muss eigentlich sein?

Die Sommerferien stehen vor der Tür und damit beginnt spätestens jetzt die große Abschiedstournee. Jedes Schuljahr, jedes Kindergartenjahr, jedes Sportvereinsjahr wird noch einmal zelebriert und jedes Mal werden Lehrer*innen, Erzieher*innen und Trainer*innen mit einem kleinen Geschenk verabschiedet — nicht immer zur Freude aller Beteiligten.

Der Umfang dieser „kleinen Geschenke“ kann durchaus variieren: angefangen bei einem Strauß Blumen über Tassen bis hin zu Restaurantgutscheinen oder gar einer Gartenbank. „Das ist manchmal richtig unangenehm“, erzählt mir meine Freundin Merle. Sie ist Lehrerin und sagt offen, dass sie sich nicht über jedes Geschenk freuen kann. Aber dazu gleich mehr.

Inzwischen gibt es diese Geschenke ja nicht nur zum Kita- oder Schulabschluss, sondern zum Abschluss eines jeden Jahres, Halbjahres, zu Weihnachten, zum Geburtstag, nach einer Klassenfahrt oder einfach nur so. Diese ganze Schenkerei ist in fast allen Fällen nett gemeint, aber nicht selten unproblematisch. Zunächst für uns Eltern: Manche können sich diese vielen, vielen kleinen Aufmerksamkeiten in der Summe schlicht nicht leisten. Vor allem dann nicht, wenn sie mehrere Kinder haben. Manche wollen es vielleicht auch nicht, haben aber wenig Lust auf den Geizkragen-Stempel. Das Problem: Wenn alle etwas schenken, kann man sich dem Ganzen schlecht entziehen ohne dass es einen faden Beigeschmack hinterlässt.

Schwierig ist es aber oftmals auch für die Beschenkten. Zunächst weil zumindest die Verbeamteten eigentlich gar keine Geschenke annehmen dürfen; zu schnell liegt der Vorwurf der Bestechlichkeit im Raum. Das Schulministerium in NRW etwa beschränkt die zulässige Schenkerei auf geringwertige Aufmerksamkeiten. So kann ein gut gemeinter Gutschein über 30 Euro Lehrer und Lehrerinnen in Konflikte bringen: Nehmen sie es an, riskieren sie Ärger mit ihren Vorgesetzten, lehnen sie es ab, empfinden es die Schenkenden vielleicht als unhöflich.

Mein Gefühl ist auch, dass wir Eltern beim Verschenken vielleicht ein bisschen die aus dem Blick verloren haben, um die es eigentlich doch geht: Die Kinder und die Personen, die sich bestenfalls gut um sie gekümmert haben. Freuen sie sich wirklich über die sechste Tasse? Fragen wir sie doch einfach selbst! Weil ich über die Offenheit meiner Lehrerin-Freundin neulich so dankbar war, habe ich mich ein bisschen bei den Lehrer*innen in meinem Umfeld umgehört und gefragt, was sie eigentlich gerne geschenkt bekommen und was sie mit unliebsamen Geschenken machen.

Carina*, 33, Sonderpädagogin:
„Am besten gefallen mir wirklich persönliche Dinge von den Kindern, für die auch nicht viel ausgegeben werden muss. Neulich habe ich von einer Gruppe Eltern einen Korb geschenkt bekommen mit Dingen, die ich im Lehreralltag gut gebrauchen kann, wie Textmarker und so, die dann personalisiert wurden mit Wünschen. Das fand ich ganz toll, so denke ich oft an die Kinder und die Familien, weil ich das eben oft gebraucht habe.
Was ich nicht gebrauchen kann sind so Stehrümchen wie Vasen, Tassen, Teller und bemalte Leinwände. Ich habe gar nicht so viel Platz und will auch nicht die ganze Wohnung damit zukleistern. Der andere Teil meiner Familie kann damit auch nicht so viel anfangen und so groß ist ja mein Büro auch wieder nicht. Gleichzeitig schmeiße ich ungern Geschenke weg. Also steht dann die nächste Schneekugel wieder irgendwo im Regal.“

Katrin, 40, Berufsschullehrerin:
„Das schönste Geschenk war ein Gedicht einer Klasse, indem sie die drei Jahre sehr schön zusammen gefasst haben. Ich hatte der Klasse mal irgendwann erzählt, dass ich ein Tattoo habe, aber nicht was und wo. Das würde ich ihnen erzählen, wenn sie den Abschluss hätten. Ich bin davon ausgegangen, dass sie es vergessen. Letzter Satz im Gedicht: Was jetzt noch zu klären bleibt, ist das Tattoo aus ihrer Jugendzeit. Clevere Mädels. Letztes Jahr bekam ich ein sehr persönliches Fotoalbum einer Klasse. Alles so Heul-Momente für mich. Skurril war folgendes: ein kleines Fläschchen mit buntem Sand gefüllt, in dem ein Kamel abgebildet war und mein Vorname drin stand. Habe ich aber noch irgendwo. Kann sowas nicht wegwerfen, hat ca. ne 5-Jahreschance zu bleiben oder bis zum nächsten Umzug.“

Matthias, 32, Lehrer an einer Gesamtschule:
„Sach-Geschenke für Lehrer sind tatsächlich manchmal eher Ausdruck von weniger Beziehung. Tee, Marmelade oder ein T-Shirt sind nett und deshalb wohl auch weit verbreitet. Eine persönliche Botschaft, ob Bild, Brief oder Video, sagt mir aber viel mehr über die Beziehung zu einer Klasse, als investiertes Geld in unpersönliche Geschenke. Den Tee schmeiße ich direkt in den Müll, Shirts werden kurzzeitig wegen der Höflichkeit archiviert. In der Regel verwahre oder nutze ich die Geschenke aber eher nicht.“

Clara, 34, Realschullehrerin:
„Meine Geschenke waren tatsächlich immer toll: Orchidee und nette Worte und zwischendurch (vor Ferien), Kräutergartentopf, kleine Vasen mit Blumen, Teelichthalter in Sternförmig, Teebecher to go. Wird alles hingestellt und benutzt. Und ich habe mich gefreut.“

Lena, 32, Grundschullehrerin:
„Gerade Familien aus aus anderen Ländern schenken oft alleine Dinge, sei es zum Geburtstag, Ostern etc. und da hab ich von Pralinen, Blumen, Tassen, Wellnessprodukten bis Schmuck schon fast alles bekommen, was ich eher unangenehm fand. Vieles entsprach auch einfach gar nicht meinem Geschmack und weil wir ja so teure Geschenke theoretisch auch gar nicht annehmen dürfen. Gerade wenn es keine Gemeinschaftsgeschenke sind, liegt der Verdacht der Bestechung oder des Einschleimens für den Schulerfolg einfach schnell im Raum. Diesen Eltern habe ich das dann meistens ein mal erklärt, da sie es aus ihren Herkunftsländern einfach anders kannten und in der Regel haben sie es dann gelassen. Als Gemeinschaftsgeschenk habe ich vor allem Blumen und Bilder und Texte von den Kindern bekommen, was ich super finde. Natürlich kann man nicht jedes Bild aufheben, aber so zusammengeheftete Abschiedsbücher von einer Klasse behalte ich schon. Je nachdem wie voll der Klassenraum so ist, finde ich auch was mit Fotos zum aufhängen gut, habe zum Beispiel eine Uhr mit Foto der letzten Klasse im Klassenraum. Aber klar, das würde man aber eben nicht privat aufhängen. Ich habe auch schon einen Shopping-Gutschein bekommen, das war nett, aber mir auch irgendwie unangenehm, weil es so viel Geld war und absolut nichts mehr mit den Kindern zutun hatte.“

Nina, 49, Grundschullehrerin:
„Ich freue mich ehrlich immer über die Geschenke, weil das eine Wertschätzung ist. Es gab noch keins, was ich weggeworfen habe. Die Einkäufer hatten immer Geschmack und die Kinder haben viel Liebe reingesteckt. Bilder habe ich aufgehängt und weggeschmissen als die Kinder nicht mehr in der Schule waren. Aber ich erwarte tatsächlich keine Geschenke. Wenn ich aber keine gemalten Bilder mehr bekommen würde, wüsste Ich, dass ich bei den Kindern nicht mehr ankomme.“

Merle, 41, Berufsschullehrerin:
„Grundsätzlich finde ich Geschenke zu jedem Jahresende unangemessen. Zum Schul- oder Kita-Abschluss ist das natürlich in Ordnung. Gerade zum Ende des Schuljahres kommen mehrere auf die Idee mal ein Pfund Kaffee oder ein paar Kekse mitzubringen. Das finde ich aber auch netter, wenn das dann mittendrin im Jahr mal ist, dann machen das nicht alle. Geschenke zum Schulabschluss sind immer schön, wenn die wirklich persönlich auf die Person zugeschnitten sind und eher einen Witz oder eine kleine Aufmerksamkeit beinhalten. Auf keinen Fall etwas, das preislich in einem höherem Segment liegt. Ich freue mich über Blümchen oder Schokolade. Das skurrilste Geschenk war neulich von einem Schüler, der eine Klausur nicht mitgeschrieben hatte. Der brachte mir Currywurst mit Pommes vorbei. Ich fand das super, war aber auch ein bisschen peinlich. Kleidung oder T-Shirts kommen eher doof an. Dann lieber Schreibwaren verschenken. Aber ich sag mal so: Das ist unser Job, da braucht man nichts zu schenken. Viel schöner finde ich es, wenn sie selbstorganisiert ein Frühstück vorbereiten oder einen Grillabend und einen dazu einladen.“

Laura, 32, Lehrerin am Gymnasium:
„Ich liebe es Geschenke zu bekommen. Deshalb bin ich offen und freue mich über fast alles. Wenn ich allerdings Deko für meine Wohnung von einer Klasse bekomme (irgendein undefinierbares Ding zum Aufhängen), Tee oder Kaffeeuntersetzer, dann muss ich mich schon zusammen reißen und tapfer lächeln. Ich habe auch schon schöne Geschenke bekommen, vor allem zur Hochzeit gab es Selbstgebasteltes. Das war niedlich, aber ich kann überhaupt nicht sagen, wo es gelandet ist. Wenn es gut läuft, in irgendeiner Kiste; wenn nicht, dann im Müll. Die Anteilnahme hat mich gefreut. Zwei Schüler meines ersten LKs haben mir auf dem Abiball einfach so, abseits des Geschehens einen dicken Strauß Blumen geschenkt. Da hab ich mich wirklich sehr drüber gefreut. Meine 9. Klasse die ich im Ref hatte, hat mir einen Gutschein für ihren Abiball geschenkt, der ja drei Jahre später sein sollte. Da ich an eine andere Schule gegangen bin, fand ich das toll. Schokolade geht übrigens immer! Da freuen sich alle Kollegen im Lehrerzimmer.“

Verena, 34, Lehrerin am Gymnasium:
„Toll finde ich immer Dinge, die selbstgemacht sind — problematisch wird es eher, wenn klar ersichtlich ist, dass die Geschenke mehr als 5 Euro gekostet haben – die darf ich eigentlich nicht annehmen. Besonders süß fand ich ein Video von meiner Klasse zu unserer Hochzeit – da haben alle Kinder ihre Wünsche (jeweils einen kleine Satz) hintereinander aufgesagt. Selbstgemacht Dinge sind wirklich am Schönsten!
Schön, aber auch ein bisschen schräg war mal ein rotes Pappherz mit aufgeklebtem Lolli und der Aufschrift: unsere Liblingsmathelehrerin (genau so geschrieben). Ein Highlight war ein kleiner blauer Papagei von Schleich von meiner „blauen“ Klasse (bei uns an der Schule haben alle 5. & 6. Klassen eine bestimmte Farbe…). Mein absoluter Favorit war ein kleiner Babybody mit der Aufschrift: „Heute mache ich mein Seepferdchen“ von meinem Sportkurs aus der Oberstufe.“

*(alle Namen wurden geändert, um die Anonymität zu wahren)

An euch, ihr jungen Mamas

Als ich damals eine erste Tochter zur Welt gebracht habe, hatte kaum jemand in meinem Umfeld Kinder. Dass ich so jung Mutter wurde, hatte viele gute Seiten, aber manchmal haben sie mir gefehlt, die anderen Mütter. Ich hätte mir jemanden gewünscht, eine Sparringspartnerin im Mama-Ring, an der und mit der ich hätte wachsen können. Ich habe mir ein paar Gedanken darüber gemacht, was mir damals geholfen hätte, was mir meine Mama-Partnerin hätte sagen können. Und weil ich nun so ungern Selbstgespräche führe, schreibe ich an euch, ihr jungen Mütter, was ich gerne schon vor neun Jahren gewusst hätte.

Liebe junge Mama,
vor gar nicht all zu langer Zeit hast du ein Kind zur Welt gebracht. Vielleicht ist es nur wenige Tage her, vielleicht ein paar Wochen, Monate oder wenige Jahre. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich finde die Anfangszeit mit Baby wahnsinnig spannend — und ziemlich aufwühlend. Gerade deshalb möchte ich dir gerne etwas sagen:

Genieße das Wochenbett. Im Ernst: Leg dich hin, ruh dich aus. Lass dich bedienen! Das geht beim ersten Kind und das geht auch, wenn du schon mehrere Kinder hast. Auch für die wirst du noch ganz oft ganz viel da sein. Jetzt kümmerst du dich um dich. Du hast gerade ein Kind zur Welt gebracht, was krasseres gibt es ja wohl nicht?!

Denk daran: Du bist genau die richtige Mutter für dein Kind! Informiere dich, tausche dich mit anderen Eltern aus. Und schau dann, was sich für dich gut und richtig anfühlt.

Du musst jetzt noch nicht alle Antworten haben. Du wächst gemeinsam mit deinem Kind und mit jedem Jahr wächst auch dein Erfahrungsschatz. Du musst jetzt noch nicht wissen, wie du pubertäre Gefühlsausbrüche händelst. Gerade will sich dein Baby einfach geborgen fühlen — und dafür reicht meist Wärme, Nahrung und Körperkontakt.

Gesteh dir zu fehlbar zu sein. Du wirst nicht alles perfekt hinkriegen, aber vertraue in dich und in die Widerstandsfähigkeit deines Kindes. Wir wären als Menschheit nicht so weit gekommen, blieben bei jedem kleinen Nervenzusammenbruch einer Mutter traumatisierte Kinder zurück.

Aber gib auch Acht auf dich. Sich hin und wieder zu reflektieren heißt nicht, sich selbst stets infrage zustellen. Aber die Reflektion kann helfen, nachzujustieren um irgendwann bestimmte (destruktive) Muster zu verlassen.

Du willst nicht so `ne Mutti sein, sondern eine echt coole Mama? Entspann dich und mach dir nicht so viele Gedanken um deine Wirkung. Du musst niemandem beweisen, wie stark, cool oder locker du bist. Trau dich, einfach bei dir zu sein.

Lass dich berühren von diesem Kind und schau, was das Muttersein mit dir macht. Freu dich auf dein neues Ich, denn du bist vermutlich nicht mehr die gleiche Person, die du vorher warst. Manches wird dir bekannt vorkommen, einiges ist neu. Lass dich darauf ein und habe keine Angst. Mag sein, dass sich nun, wo du Mutter bist, manche Türen schließen — aber so viele neue werden sich öffnen!

Mach dir nicht so viele Sorgen! Ja, die Welt wirkt plötzlich so viel gefährlicher. Aber das ist sie nicht. Wir haben keine Garantie auf Gesundheit und Unversehrtheit, aber hier in unseren Breitengraden haben unsere Kinder eine große Chance ziemlich alt zu werden.

Hör auf deine Bedürfnisse. Du musst nicht nach einer bestimmten Zeit wieder hübsch aussehen, Sport machen, arbeiten gehen, Sex haben (wollen), einen ordentlichen Haushalt führen, ausgehen und zu jeder Zeit überglücklich sein. 

Aber versuche die Zeit zu genießen. Du wirst noch viele, viele Jahre arbeiten gehen. Früher als es sich jetzt gerade danach anfühlt kannst du beruflich wieder angreifen. Und dann wirst du dich in vielen Momenten nach genau dieser Babyzeit sehnen.

Und vertraue darauf, dass vieles wiederkommt. Der Schlaf zum Beispiel. Irgendwann werden die Kinder tatsächlich durchschlafen. Und irgendwann wirst du nicht mehr stillen. Irgendwann kannst du wieder ausgehen, etwas trinken, feiern. Wenn du willst, kommt irgendwann die Leichtigkeit zurück. 

Warum ich das Studieren mit Kind großartig finde.

„Eltern, wo seid ihr nur?“, fragt Alu vom Blog Grossekoepfe, denn sie fühlt sich einsam beim #studierenmitKind. „Hier!“, möchte ich ihr zurufen, bis vor kurzem war ich eine von euch. Und ich war es gern! Denn ich fand und finde, die Kinder im Studium zu bekommen, war eine famose Idee. Ich hatte aber auch Glück — und eine Uni, die clevere Entscheidungen getroffen hat.

Du wünschst dir mehr Eltern auf den Bänken in den Hörsälen, um gemeinsam zu kämpfen. Ich würde sofort meine Ärmel hochkrämpeln und dir zur Seite springen, liebe Alu. Nur gerade sitze ich zum ersten Mal seit 13 Jahren nicht mehr auf einer Bank in Hörsälen oder Seminarräumen. Würde es dir und anderen Eltern helfen, wenn ich erzähle, was mir geholfen hat?

Ich bin froh, dass ich mein Studium abgeschlossen habe. Lange hatte ich gehadert. Meine Kommilitonen waren nach und nach an mir vorbeigezogen. Zurück an der Uni kam ich mir vor wie ein Fossil. Irgendwann habe ich mir ganz bewusst die Frage gestellt, wie das jetzt weitergehen soll. Und als ich die bewusste Entscheidung fürs Weiterstudieren getroffen habe, zog ich es auch durch. Ich weiß, manche Tage oder Wochen sind einfach kacke. Manche Profs sind ätzend. Und trotzdem: Liebe Eltern an den Unis, haltet durch! Es wird besser. Vor allem aber habt ihr euren Kommilitonen einiges voraus. Wenn sie sich nach ihrem Abschluss das Hirn darüber zermartern, wann den nun der richtige Zeitpunkt fürs Kinderkriegen ist, könnt ihr euch zurücklehnen; euer Kind geht jetzt vermutlich längst in Kita oder Schule und ihr erobert euch eure Freiheiten zurück.

Ich habe alle drei Kinder in meiner Unizeit bekommen. Das war nicht immer nur einfach. Und trotzdem würde ich am liebsten schreien: „Bekommt die Kinder noch im Studium, das ist großartig!“ Zum ersten Mal wurde ich mit 23 Mutter, dann mit 27 und dann noch mal mit 31. Was sich hieraus schon einmal ableiten lässt: Ich habe nicht in Regelstudienzeit studiert. Gerissen habe ich sie im Grunde aber auch nur um ein Semester (mehr dazu bei Punkt 5).

Ich habe den ganzen Morgen darüber nachgedacht, was mir tatsächlich dabei geholfen hat, Uni, Job und Familie zu wuppen. Das waren natürlich unterschiedliche Faktoren, persönliche, aber auch strategische von Seiten der Uni: 

1. Der Zeitpunkt war günstig.

Ich hab Journalistik und Psychologie studiert — noch auf Diplom. Der Studiengang war so aufgebaut, dass zwischen Grund- und Hauptstudium das Volontariat lag, unsere journalistische Ausbildung quasi. Das hatte ich schon hinter mir, als ich schwanger wurde. Ebenso ein längeres Pflichtpraktikum in einer anderen Stadt.

2. Ich konnte Träume ziehen lassen. 

Ich wollte gerade das Thema Auslandssemester angehen, als ich den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Ja, ich hätte auch schwanger das Erasmus-Semester machen können. Aber im Ernst: Wer bitte macht Erasmus, um nüchtern tatsächlich jede Vorlesung zu besuchen und abends müde ins Bett zu fallen?! Das Auslandssemester habe ich mir also geknickt. Das fand ich schade und manchmal finde ich das auch heute noch schade, aber ich kann damit leben. Ein Personaler wird das vielleicht als Makel in meiner Vita werten, aber ich verstehe nicht, warum ein Erasmus-Semester tatsächlich fordernder und sinnstiftender sein sollte, als ein Kind zu bekommen?!  Außerdem: Wer weiß, wohin einen das Leben noch so treibt. Das Ausland läuft ja nicht weg.

3. Andere Träume habe ich trotzdem verwirklicht.

Die Elternzeit wollte ich unbedingt sinnvoll verbringen. Also sind wir kurzerhand für ein Praktikum mit Sack und Pack nach Hamburg gezogen. Wir haben unsere Wohnung aufgegeben, unsere Möbel untergestellt und uns in Hamburg eine kleine, möblierte Wohnung gemietet und das Kinderbett mitgebracht. Die zweite Elternzeit waren wir in Stockholm, da habe ich auf den Spielplätzen an meiner Studienarbeit geschrieben. Aber klar, ich habe nicht noch vier weitere unbezahlte Praktika in irgendwelchen Redaktionen absolviert. Schlimm finde ich das nicht gerade.

4. Ich war eine von wenigen.

Es gibt wenige Mütter auf dem Campus. Und Journalistinnen bekommen besonders selten Kinder. Grundsätzlich finde ich das natürlich total schade. Ich hätte mir auch gerne mehr Austausch und mehr Solidarität untereinander gewünscht. Anders als bei dir, Alu, hatte es für mich auch den Vorteil, dass ich als Exotin immer irgendwie eine Sonderrolle hatte. Die Leute auf dem Campus waren immer besonders nett, der Prof hat die Sprechstunde besonders schnell durchgezogen, wenn meine Tochter auf dem Flur spielte, und in manche Kurse wurde ich noch an der Warteliste vorbei geschleust, weil das sonst mit der Kinderbetreuung nicht hingehauen hätte. „Familienfreundlich“ war mehr als nur ein Buzzword an meiner Uni. 

5. Ich hatte Zeit.

Die Zeit ist eine der entscheidenden Faktoren, wenn wir Job und Familie und eben auch die Uni unter einen Hut bekommen wollen. Und hier hat meine Uni eine wegweisende Entscheidung getroffen: Ich war beurlaubt und konnte trotzdem Scheine, ja sogar meine Diplomprüfungen machen. Wer an unsere TU wegen der Erziehung der eigenen Kinder beurlaubt ist, darf trotzdem weiter Seminare und Vorlesungen besuchen und auch Prüfungen ablegen. So konnte ich kurz nach der Geburt meiner ersten Tochter schon ein, zwei Seminare besuchen und mein Zweitfach abschließen. Kein Chef wollte von mir wissen, wann ich mit welcher Stundenzahl wohin wiederkomme. Ich konnte ganz frei entscheiden, wann ich wie viel für die Uni machen will. Und so kommt es, dass ich zwar 13 Jahre studiert, aber dazu offiziell nur 12 Semester dazu gebraucht habe.

Ich habe es mir aber auch selbst erlaubt länger zu brauchen. Ich wollte nicht straight in der tatsächlichen Regelstudienzeit meine Uni beenden und diesem Ziel alles unterordnen. Ich wollte arbeiten (Punkt 6) und ich wollte Zeit für die Familie. Ich musste mir auch die Zeit nehmen, um für meine Abschlussarbeiten die Themen zu finden, die für mich — und vielleicht auf ein bisschen für die Gesellschaft — von Relevanz sind. So überrascht es nicht, dass ich mein Studium mit einer Diplomarbeit zur Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beendet habe (schwanger mit Kind 3). Meine mündliche Abschlussprüfung handelte übrigens von Frauenkarrieren in den Medien. Gerade für mich als Mutter ein absolut relevantes Thema.

6. Ich war schon im Beruf.

Ich habe während meiner gesamten Unizeit schon in meinem Beruf, dem Journalismus, gearbeitet. Dort wird man nicht reich, aber das wurde ich auch nicht bei meinen Promotion-Jobs oder als ich noch gekellnert habe. Er ist vor allem aber sehr flexibel. Und durch das Schreiben konnte ich Berufserfahrung sammeln und direkt nach den Geburten weiterarbeiten und dabei eben auch studieren. Und auch hier noch mal zum Thema Zeit: Ich habe viel gearbeitet und geht so viel studiert. Meine Prioritäten waren ziemlich klar. Aber nur weil ich sie selbst setzen konnte, habe ich das auch wirklich durchziehen können.

7. Ich war einfach eine junge Mutter.

Klar, es hat auch Nachteile eine junge Mutter zu sein. Aber es gibt auch eine ganze Reihe Vorteile, allen voran die Biologie. 23 ist nun mal ein super Alter, um Kinder zu bekommen. Meine älteste Tochter ist inzwischen 9 Jahre alt, ich 32. Hätte ich nur ein Kind bekommen, es wäre wirklich aus dem Gröbsten raus und ich immer noch am Anfang meiner Karriere. In jungen Jahren steckt man übrigens auch die durchwachten Nächte (wenn das Kind zahnt oder die Abgabe der Seminararbeit ansteht) besser weg. 

Vieles lief also ganz gut. Und trotzdem fallen mir noch ein paar Dinge ein, die mein Studentenleben als Mutter leichter gemacht hätten:

1. Einen Bücher-Hol-Service in der Bib.

In der Fachbereichsbibliothek hatte ich eins der wenigen unschönen Erlebnisse als Mutter. Ich musste Bücher raussuchen und meine Tochter, damals 15 Monate alt, hatte es gewagt zu lachen. Wir wurden darauf hingewiesen, dass in der Bib Ruhe herrschen sollte. Ich hatte die unfreundliche Mitarbeiterin dann darauf hingewiesen, dass die Uni, wenn sie denn wirklich etwas für Eltern tun wolle, ihnen bei der Bücher-Suche helfen könne. Das wäre vielleicht für alle Beteiligten am einfachsten.

2. Familienparkplätze.

Die Parkplatzsuche an der Uni ist die Hölle. Familienparkplätze für die wenigen Eltern, die es auf dem Campus gibt, hätten mir das Uni-Leben erleichtert.

3. Seminare zu kitafreundlichen Zeiten.

Ein Uni-Tag von 8 bis 16 Uhr ist lang genug.

4. Weniger Präsenzzeiten.

Ehrlich, wir sind erwachsen! Ich möchte selbst entscheiden, ob dieses Seminar oder jene Vorlesung relevant für meinen Lernerfolg sind. Bitte nur Präsenzzeiten, wenn es wirklich nötig ist und nicht, damit sich die Profs nicht wundern müssen, warum die Studierenden wohl ihren Vorlesungen fernbleiben.

5. Mutterschutz für Studentinnen.
Bis vor wenigen Jahren gab es für Studentinnen keinen Mutterschutz. Sie mussten also auch zwei Tage nach Entbindung zur Klausur, wenn sie keinen Fehlversuch haben wollten. Verrückt! Das hat sich glücklicherweise inzwischen geändert.

Zum Schluss will ich noch auf einen ganz wichtigen Aspekt eingehen: die finanzielle Sicherheit. Zum Gelingen von Vereinbarkeit brauchen wir Zeit und Flexibilität. Wir brauchen aber auch eine solide wirtschaftliche Basis. Allein vom Bafög kann heute kaum noch jemand seinen Lebensunterhalt bestreiten, geschweige denn eine Familie ernähren. Ich hatte das Glück, dass mein Mann schon länger im Job und damit finanziell abgesichert war. Das ist aber nun mal nicht die Regel. Ein Stipendium speziell für Eltern, wie du, Alu, es forderst, finde ich eine spitzen Idee! Wenn schon in der Wirtschaft allmählich ankommt, dass Eltern verdammt gute Arbeitnehmer sein können, sollten Stiftungen kapieren, was für großartige potenzielle Stipendiatinnen und Stipendiaten da draußen herumlaufen. Und im besten Fall profitieren ja gleich zwei Generationen von dem Stipendium.